Stormy Mildner
Der mittelalterliche Außenhandel Europas war insbesondere durch die Kreuzzüge (11.-13. Jahrhundert), den Alpentransithandel der süddeutschen Handelsstädte und den Zusammenschluss von ost-, west-und norddeutschen Kaufleuten im Bund der Hanse (u.a. Hamburg, Bremen, Lübeck) geprägt. Insbesondere durch die Entwicklung der Städte im 12. und 13. Jahrhundert hatte sich der Handel in Europa über die Grenzen hinaus entwickelt. Auch die Ablösung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft förderte den Handel erheblich. Mit den geographischen Entdeckungen verlagerte sich der Fernhandel auf die Ozeane. Insbesondere zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert förderte der Erwerb von Kolonien als Rohstofflieferanten die wirtschaftliche Entwicklung in Europa und die Ausbildung der Wirtschaftsform des Merkantilismus, der die mittelalterliche Zunft- und Stadtwirtschaft ablöste. Der Merkantilismus war das vorherrschende Wirtschaftssystem im Zeitalter des Absolutismus (16. - 18. Jahrhundert). Im Merkantilismus war die Wirtschaft der europäischen Staaten strikt politischen Zielen untergeordnet. Das Hauptziel der Wirtschaftspolitik bestand darin, den Reichtum der Staaten zu vermehren, wobei der Gradmesser der Bestand an Gold, Geld und anderen Schatzmitteln war. Der Warenhandel zwischen den Staaten war demnach dem Protektionismus und der Exportförderung unterworfen: So sollte der Import von Fertigprodukten durch hohe Schutzzölle, Importverbote und Kontingente unterdrückt werden, während die Exporte gefördert wurden. Die inländischen Manufakturen erhielten folglich erhebliche Subventionen vom Staat. Bei Rohstoffen verfolgte der Merkantilismus eine umgekehrte Zollpolitik, wobei Ausfuhren erschwert und Einfuhren erleichtert wurden. Ziel der Handelspolitik war eine positive Handelsbilanz, die den Zustrom von Gold sicherte. Das übergeordnete Ziel des Merkantilismus war die Stärkung des Nationalstaates und die Steigerung des staatlichen Reichtums. Der Reichtum eines Landes und letztlich auch seine Macht wurden dabei durch seine Verfügung über Edelmetalle bestimmt.
Um 1770 setzte in Europa – ausgehend von England – die Frühindustrialisierung ein. Von 1800-1913 kam es zu einem rapiden Anstieg des internationalen Handels. Die Wachstumsraten, die pro Dekade 33% pro Kopf betrugen, lagen damit weit über den Wachstumsraten der Produktion. Am stärksten wuchs der Handel zwischen 1840-1870. 1913 lag das Volumen des Handels 25 mal über dem Ausgangsniveau von 1800. Die Weltproduktion lag 2,2 mal über ihrem Ausgangsniveau von 1913.[2] Insbesondere der Handel der älteren Industrieländer wuchs rapide an: Lag im Jahr 1820 der Anteil des Handels am BIP in Großbritannien bei 3%, betrug er 1870 bereits 12%. Gleichzeitig nahm der Handel der jungen Industrieländer temporär ab, da sie Güter, die sie bislang importiert hatten, nun durch im eigenen Land produzierte Güter substituieren konnten. Mit fortschreitender Industrialisierung und Produktion in diesen Ländern kam es jedoch wieder zu einem Anstieg des Handels, vor allem der Exporte, da neue Absatzmärkte für das steigende Güterangebot gesucht wurden.
Um 1880 setzte in Europa die Zeit der Hochindustrialisierung ein, die zwischen 1900 und 1914 ihren Höhepunkt fand. Gleichsam fand der Übergang zum modernen weltwirtschaftlichen System des Industriezeitalters statt. Dieses System zeichnete sich sowohl durch die zunehmende Internationalisierung der Volkswirtschaften einiger Länder und steigenden Interdependenzen als auch die Herausbildung eines Zentrums (Nordwesteuropa und die USA, ergänzt von Randkernen in Ostasien und Ozeanien) und einer Peripherie aus. Dabei nahmen die internationalen Transaktionen und Verflechtungen vor allem zwischen den Ländern des Zentrums zu.
Im Zentrum des internationalen Handels stand Europa, insbesondere Großbritannien. 1876-1880 entfielen 66,9% des Handels auf Europa, 9,5% auf Nordamerika, 5,4% auf Lateinamerika, 12,9% auf Asien, 1,9% auf Afrika und 3,4% auf Ozeanien. Bei den Exporten und Importen im gleichen Zeitraum zeigt sich eine ganz ähnliche Verteilung: 64,2% der weltweiten Exporte kamen aus Europa, 69,6% der Importe wurden von Europa getätigt. Von 1880 bis 1913 kam es zu einer leichten Verschiebung. Zwar war Europa nach wie vor das Zentrum des Welthandels, doch holten andere Regionen immer mehr auf: 62% des Handels entfielen auf Europa, 13,2% auf Nordamerika, 7,6% auf Lateinamerika, 11,1% auf Asien, 3,7% auf Afrika und 2,4% auf Ozeanien. Insbesondere die Länder Nordamerikas und Lateinamerikas erfuhren einen Bedeutungszuwachs: Der Anteile der Exporte Nordamerikas an den weltweiten Exporten stieg im genannten Zeitraum von 11,7% auf 14,8%; die Exporte Lateinamerikas stiegen von 6,2% auf 8,3%. Im gleichen Zeitraum fielen die Exporte Europas von 64,2% auf 58,9%. Insbesondere der Anteil der USA am Welthandel stieg kontinuierlich, während der Englands stetig abnahm.[3] Der Großteil der Güterströme entfiel demnach auf Europa und die europäisch geprägten Regionen Nordamerikas und Ozeaniens. Bis 1914 blieb die Vorherrschaft einiger Industriestaaten, insbesondere Englands und Deutschlands bestehen. So hatte sich in der Periode der Hochindustrialisierung ein durch Kolonialpolitik geschütztes Gleichgewicht des Handels zwischen den entwickelten Ländern Nordwesteuropas und den überseeischen und europäischen Rohstoff- und Agrarländern herausgebildet.
Gleichzeitig kam es jedoch zu einem bedeutenden Wandel der Handelsbeziehungen und –ströme einiger Länder: Bis 1870 war die Abhängigkeit der meisten europäischen Länder – auch für Importe – vom europäischen Markt sehr hoch, während nach 1870 die Nachfrage nach Rohstoffen aus außereuropäischen Ländern kontinuierlich zunahm. Des Weiteren stieg um 1890 die Nachfrage nach Rohstoffen und Agrarprodukten aus tropischen Regionen rapide an, während zuvor die Nachfrage nach diesen Produkten aus gemäßigten Zonen dominiert hatte. Gleichsam stieg die Abhängigkeit nicht-europäischer Länder vom europäischen Markt. Die USA bildeten hier keine Ausnahme. 1850 gingen 75,24% der US-amerikanischen Exporte nach Europa, 6,59% nach Nordamerika, 9,89% nach Mexiko und Zentralamerika, 5,35% nach Südamerika und 2,09% nach Asien. In den 1880er Jahren gingen hingegen Vierfünftel der US-amerikanischen Exporte nach Europa. 1914 machten Exporte nach Europa trotz der steigenden Exporte nach Kanada und Lateinamerika weiterhin 62,86 der Gesamtexporte der USA aus. Im gleichen Jahr gingen 14,85% der Exporte nach Nordamerika, 3,18% nach Mexiko und Zentralamerika, 5,95% nach Südamerika und 5,59% nach Asien.[4] Dabei nahm allerdings die Bedeutung des Handels mit Großbritannien erheblich ab. Nach dem ersten Weltkrieg löste Kanada Großbritannien als wichtigsten Handelspartner der USA ab. Für Lateinamerika sah die Situation ähnlich aus: Zwei Drittel des Handels Lateinamerikas fand mit Europa statt, insbesondere mit Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien. Noch abhängiger vom europäischen Markt waren die Länder Afrikas und Ozeaniens. Die meisten Industrieländer hatten Handelsbilanzdefizite gegenüber den rohstoffproduzierenden Ländern. Eine Ausnahme bildete Großbritannien, das ein Nettoimporteur sowohl von Rohstoffen als auch von Industriegütern war. Seine Handelsbilanzdefizite mit den Industrieländern finanzierte Großbritannien über Handelsbilanzüberschüsse im Industriegüterhandel mit den Rohstoffländern und seine Einkommen aus dem Dienstleistungshandel. So spielte für Großbritannien der Dienstleistungshandel (Banken, Versicherungen, Schifffahrt etc.) im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern eine bedeutende Rolle.
In Hinblick auf die Struktur des Welthandels lässt sich feststellen, dass der Anteil der Rohstoffe am Welthandel relativ konstant blieb: die sinkende Nachfrage nach Rohstoffen in den bereits industrialisierten Ländern wurde durch die steigende Nachfrage in den jungen Industrienationen kompensiert. Nach 1870 nahm der Anteil des Agrarhandels am Welthandel ab. Im Industriegüterhandel nahm der Anteil von Textilien nach 1870 ab, während der Anteil von Metallprodukten zunahm. Dabei wandelte sich in vielen Ländern die Außenhandelsstruktur: Hatte in den USA z.B. zunächst der Export von Agrarprodukten und Rohstoffen die Außenhandelsstruktur dominiert, exportierten die USA seit der Jahrhundertwende zunehmend Halbfertigfabrikate und verarbeitete Produkte. Von 1850 bis 1900 war der Anteil der verarbeiteten Produkte an den Gesamtexporten der USA von 12,4% auf 19,16% gestiegen. Der Anteil der Halbfertigprodukte war im selben Zeitraum von 4,49% auf 8,85% gestiegen.1900 machten Rohstoffe, Agrarprodukte und verarbeitete Lebensmittel noch 71,99% der Gesamtexporte aus. 1913 betrug der Anteil der verarbeiteten Produkte und Halbfertigfabrikate bereits 31,95% bzw. 16,83% der Gesamtexporte der USA. Bis 1920 war der Anteil der verarbeiteten Produkte an den Gesamtexporten auf 39,66% angestiegen.[5]
Zusammenfassend können einige Faktoren identifiziert werden, die zu den steigenden internationalen Handelsströmen beigetragen haben, darunter:
Die Handelspolitik im 19. Jahrhundert kann vereinfacht in drei Perioden eingeteilt werden, wobei das Pendel permanent zwischen „mehr Freihandel“ und „mehr Protektionismus“ schwankte: 1. 1820 bis 1860, 2. die 1860er Jahre und 3. 1870-1913.
1820er Jahre bis 1860:
Wichtig hierbei zu beachten ist, dass die Außenhandelspolitik der meisten Länder durchmischt blieb und sowohl protektionistische als auch freihändlerische Tendenzen aufwies – je nach Periode mehr oder weniger.
Die Periode zwischen 1820 und 1860 war eine Periode sinkender Zölle und steigender Offenheit auf internationaler Ebene. Dabei kam es nach dem Ende der Napoleonischen Kriege (1815) zunächst zu einem Abbau der Ausfuhrzölle. Gerade Rohstoffe waren in vielen Ländern mit hohen Ausfuhrzöllen belegt, da diese als unabkömmlich für die eigene Produktion angesehen wurden: Großbritannien erhob z.B. Ausfuhrzölle auf Maschinen, Kohle und Wolle und beschränkte die Emigration von Handwerkern. In Deutschland bestanden unter anderem hohe Ausfuhrzölle auf Feuerholz und Glas, in Österreich auf Holz zum Schiffbau, in Italien auf Seide. Einher gehend mit einem Zusammenbruch des restriktiven Zünfte-Systems, der Einführung der Gewerbefreiheit in vielen Ländern sowie der fortschreitenden Industrialisierung wurden diese Ausfuhrzölle rasch abgebaut. Auch wurden die Ausfuhrzölle als kontraproduktiv angesehen, da sie häufig durch Schmuggel umgangen wurden.
Seit den 1830er Jahren begann Großbritannien auch seine Einfuhrzölle zu reduzieren. Das Zollgesetz von 1846 beendete mit der Abschaffung der Getreidezölle den Agrarprotektionismus Englands. Gleichzeitig wurden die Zölle auf Industriegüterimporte gesenkt. Ebenfalls in den 1830er Jahren begann Frankreich seine Zölle auf Halbfertigprodukte und Kohle zu reduzieren; Reduktionen der Zölle auf Stahl und Eisen folgten im Jahr 1852. Auch der 1834 geschaffene Deutsche Zollverein wies nur moderate Außenzölle auf. Bis Großbritannien begann, seine Zölle massiv abzubauen, war der Durchschnittszoll des Deutschen Zollvereins der niedrigste in Europa. Belgien, Portugal, Spanien Piedmont, Norwegen, die Schweiz und Schweden reduzierten ihre Zölle in den 1850er Jahren. Dennoch zeichneten sich außer Großbritannien die meisten Länder sowohl durch eine protektionistische und interventionistische Handelspolitik, als auch durch eine dirigistische Wirtschaftspolitik aus.
In den 1860er Jahren kam es zu einer kurzen Periode reziproken Zollabbaus in Europa. Dabei führte insbesondere das Cobden-Chevalier Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich (1860) zu weiteren reziproken Zollabkommen: 1862 schloss der Deutsche Zollverein ein reziprokes Zollabkommen mit Frankreich ab. Es folgten Abkommen zwischen Frankreich und Italien (1863) und Frankreich und der Schweiz (1864). Des Weiteren schloss Frankreich 1865 Abkommen mit Schweden, Norwegen, den Hansestädten, Spanien und Holland ab. Abkommen mit Österreich und Portugal folgten in den Jahren 1866 und 1867. Großbritannien schloss Abkommen mit Belgien (1862), Italien (1863), dem deutschen Zollverein und Österreich im Jahr 1865.
Initiiert und getragen wurde diese Tendenz zum reziproken Freihandel insbesondere durch die Freihandelspolitik Großbritanniens seit der Abschaffung seiner Getreidezölle. Gerade in Großbritannien unterstützen die Industriellen eine freihändlerische Handelspolitik – einerseits um neue Absatzmärkte zu eröffnen, andererseits um die Getreidepreise und somit die Löhne der Arbeiter in der Industrie niedrig zu halten. Ideologisch wurde diese Bewegung durch die Freihandelsgedanken von Adam Smiths, David Ricardos und der Manchasterliberalen, (insbesondere Richard Cobden) getragen. Auch die in den britischen Abkommen enthaltene Klausel der unbedingten Meistbegünstigung trug zur Verbreitung des Freihandels bei. Wichtig ist allerdings anzumerken, dass in den meisten anderen Länder keine Ideologien oder innenpolitische/binnenwirtschaftliche Interessen zur kurzen Periode des reziproken Zollabbaus geführt haben. Motiviert waren diese Abkommen vielmehr vor allem durch geostrategische Ziele: Frankreich wollte zum Beispiel die Neutralität Englands sichern, sollte es militärisch gegen Italien vorgehen. Deutschland wiederum wollte mit seinem Abkommen mit Frankreich seine Beziehungen zu diesem sichern und Österreich ausspielen.
Folgende Erklärungsansätze können für die steigende Zahl reziproker Zollabkommen in den 1860er Jahren identifiziert werden:
In den 1870er Jahren kehrte sich dieser Trend zu mehr Freihandel wieder um: Die Periode von 1880 bis 1900 zeichnete sich durch eine moderate Schließung der Volkswirtschaften aus, die zwar zu dem Zeitpunkt relativ dramatisch, im Vergleich zu den Zollpolitiken in der Zwischenkriegszeit jedoch noch moderat waren. Auslöser der steigenden Zölle waren u.a. die billigen Getreideimporte insbesondere aus dem US-amerikanischen mittleren Westen, Argentinien, Kanada und Rußland. Ursachen für die sinkenden Preise waren Neuerung im Anbau (Düngung, neue Maschinen, neue Formen von Getreide) und bessere Transportmöglichkeiten (Ausbau des Eisenbahnnetzes, Kühlung, Dampfschiffahrt). Im Vergleich mit diesen Ländern, in denen auf großen Flächen Getreide angebaut werden konnte, waren die Länder West- und Mitteleuropas plötzlich nicht mehr wettbewerbsfähig. Ein weiteres Problem war die Wirtschaftskrise von 1873 mit sinkenden Preisen für Industriegüter und zahlreichen Konkursen bei gleichzeitiger steigender internationaler Konkurrenz. Sowohl im Agrar- als auch im Industriegüterbereich nahm der internationale Wettbewerb also erheblich zu. Bedeutend waren des Weiteren die aufkommenden nationalistischen Strömungen und die zunehmenden internationalen Spannungen.
Folgende Erklärungsansätze können demnach für die Rückkehr zum Protektionismus in den 1870er Jahren identifiziert werden:
Dabei reagierten die Länder z.T. sehr unterschiedlich auf die sinkenden Agrarpreise, die sinkenden Industriegüterpreise und die Massenmigration. Diese unterschiedlichen Reaktionen waren insbesondere durch die Bedeutung der Agrarwirtschaft, den Einfluss der Großgrundbesitzer, den Einfluss der Arbeiter und der Industrie bedingt. Es können vier unterschiedliche Reaktionen identifiziert werden:
Nur Großbritannien, die Niederlande und Dänemark verfolgte weiterhin eine Freihandelspolitik in den 1880er Jahren. Dänemark erhöhte die Zölle auf Getreideimporte nicht, sondern verlagerte seine Landwirtschaftsproduktion vom Getreideanbau auf die Viehwirtschaft und die Fleischproduktion und konnten somit von den billigen Getreideimporten profitieren. Auch Großbritannien, das weiterhin seine Vormachtstellung im Industriebereich hielt, erhöhte seine Zölle nicht. Österreich-Ungarn hingegen hob seine Zölle 1876 und 1878 an. Italien folgte 1878 und 1887 mit Zollerhöhungen, wobei letztere zu einem Handelskrieg mit Frankreich führte. Auch Deutschland erhöhte 1879 seine Zölle; Frankreich erhöhte seine Zölle 1881 und ein weiteres Mal in verstärktem Maße 1892. Eine Vielzahl von Ländern folgte dieser Dynamik: Obwohl Spanien seine Zölle bis 1881 auf 15% reduzieren wollte, wurden die Zölle 1877 angehoben; 1892 wurden hohe Schutzzölle auf Baumwolltextilien, Stahl, Eisen und Getreide verhängt. Auch in Portugal wurden 1892 hohe Schutzzölle eingeführt. Großbritannien hatte letztlich weder die politische noch die wirtschaftliche Macht, das Handelssystem zwischen den Ländern des wirtschaftlichen Zentrums offen zu halten und die anderen Nationen zu einem Festhalten am reziproken Zollabbau zu bewegen.
Um die steigenden Zölle von 1870-1900 zu erklären, können Peter Gourevitch zufolge eine Reihe von Erklärungsansätzen, basierend auf Ideologien, Interessen, Klassenkonflikt, Institutionen und Außenpolitik, herangezogen werden. Bezeichnend ist dabei das enge Zusammenspiel der nationalen und internationalen Ebene.[6]
Bei den Konsumenten sieht es genau anders herum aus: Die Konsumenten der Güter, die für den inländischen Markt hergestellt werden, profitieren durch die Aufnahme des Handels, da durch die steigende Konkurrenz die Preise sinken. Sie werden sich demnach für Freihandel einsetzen. Die Produzenten der Güter, die für den Export vorgesehen sind, verlieren hingegen durch Aufnahme des Handels, da die Güter knapper und somit teurer werden. Sie werden sich folglich eher für Protektionismus einsetzen.
Betrachtet man die wichtigsten Länder in Europa, die seit den 1870er Jahren ihre Zölle wieder angehoben haben, werden einige Ähnlichkeiten deutlich. So standen sich folgende Gruppen gegenüber: Produzenten versus Konsumenten; Schwerindustrie versus dem verarbeitenden Gewerbe; Großbauern versus Kleinbauern; Großgrundbesitzer versus Landarbeiter. In allen Ländern wurde der Einfluss der Industrie deutlich: In Großbritannien, wo die Industriellen ihren Nutzen insbesondere im Freihandel sahen, kam es zu einer freihändlerischen Politik; in Deutschland, Frankreich und den USA, in denen die Industrie Schutzzölle forderte, wurden die Zölle angehoben. In Ländern, in denen der Agrarsektor ebenfalls Schutzzölle auf Agrarprodukte forderte, diesen eine größere Bedeutung zumaß als billigen Industriegütern und es zu einem Interessenaustausch und einer Koalition zwischen Industrie- und dem Agrarsektor kam, setzten sich auch die Interessen der Landwirtschaft durch (Frankreich, Deutschland). In Ländern, in denen dies nicht der Fall war und der Agrarsektor in seinen Forderungen gespalten war, kam zu keiner Koalition zwischen Industrie und Landwirtschaft und somit auch nicht zu einem Interessenaustausch und zur Durchsetzung der Landwirtschaftsinteressen (USA). Hieran wird deutlich, dass der erste Erklärungsansatz Gourevitchs in allen Fällen eine notwendige, jedoch nicht ausreichende Erklärung für den steigenden Protektionismus Ende der 1870er Jahre bietet. Wichtig sind ebenfalls sowohl das politische Gefüge, die Machtverhältnisse zwischen den Interessengruppen, ihre Einbindung in das politische System, ihre Vertretung durch politische Parteien, als auch die Zusammensetzung der Gruppen selbst und ihre Organisierbarkeit.
Abschließend können die Handelsstrategien des 19. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Handelspartner folgendermaßen zusammengefasst werden:
[2]
Vgl. Kenwood, A.G. und A. L. Lougheed, The Growth of the International Economy 1820-1980, London
1983, S. 91.
[3]
Vgl. Ebd. S. 93.
[4]
US Census Bureau, Statistical Abstract of the US 1913, Washington D.C.
1914; US Census Bureau, Statistical Abstract of the US 1929, Washington
D.C. 1929.
[5]
Vgl. US Census Bureau (1929), S. 474-475.
[6]
Gourevitch, Peter Alexis: „International Trade, Domestic Coalitions, and
Liberty: Comparative Responses to the Crisis of 1873-1896“, in: Jeffry A.
Frieden und David A. Lake (Hg.), International Political Economy: Perspectives
on Global Power and Wealth,
London 2000, S. 90-108.

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