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Fortsetzung: Die Geschichte der internationalen Handelsbeziehungen
Stormy Mildner
1.4 Die Handelspolitik Englands im 19. Jahrhundert
1.4.1 Die Handelspolitik Englands bis 1860
Traditionell war Großbritannien – wie auch die
anderen europäischen Länder – keine
Freihandelsnation. Auch in Großbritannien dominierte
zunächst die interventionistisch, merkantilistisch
geprägte Wirtschaftspolitik, die mit hohen Zöllen
einher ging. Ein Beispiel hierfür war der sogenannte
Navigation-Act von 1651, der ursprünglich gegen die
holländische Handelsdominanz gerichtet und während
des Handelskriegs zwischen Großbritannien und den
Niederlanden durch Oliver Cromwell erlassen worden war. Er
hatte folgende Inhalte, die den niederländischen Seehandel
erheblich beeinträchtigten: 1. Nur englischen Schiffen war
es erlaubt, mit englischen Kolonien Handel zu treiben; 2. die
Küstenschiffahrt und -fischerei Großbritanniens war
nur englischen Schiffen erlaubt; 3. europäische Waren
durften nur auf englischen Schiffen oder auf denen des
Herstellungslandes eingeführt werden. Auch als die
Niederlande ihre Vormachtstellung bereits verloren hatten,
wurde dieses Gesetz immer wieder verlängert und
modifiziert (1662, 1663, 1670, 1673, 1696). Ein weiteres
klassisches Beispiel für merkantilistische
Handelsverträge ist der Methuen-Vertrag von 1703, der nur
der Form nach auf Gegenseitigkeit beruhte, inhaltlich jedoch
ganz bewusst auf die Schädigung des anderen Landes
abzielte. In dem 1703 von John Methuen zwischen
Großbritannien und Portugal ausgehandelten Vertrag
verzichtete Portugal auf den Aufbau einer eigenen Tuchindustrie
und verpflichtete sich, englisches Tuch zu kaufen. Im Gegenzug
räumte Großbritannien Portugal einen Zollvorteil auf
portugiesischen Wein ein. Durch diesen Vertrag kam es zur
Aufnahme des Handels zwischen Großbritannien und Portugal
und zu erheblichen Tuchexporten nach Portugal.
Ursprünglich gegen die französische Wirtschaft
gerichtet, hatte der Vertrag weitreichende Auswirkungen auf
Portugal: Wirtschaftlich wurde Portugal (Agrarstaat) von dem
Industriestaat Großbritannien abhängig. Da es die
hohen Tuchimporte nicht mehr durch seine Weinexporte
ausgleichen konnte, geriet seine Handelsbilanz ins Negative.
Die ständig negative Handelsbilanz Portugals musste mit
Edelmetall ausgeglichen werden und führte zu einem
stetigen Abfluss der Goldreserven Portugals nach
Großbritannien. Großbritannien hatte folglich zwei
Ziele des Merkantilismus erreicht: Eine Steigerung der Exporte
und einer Steigerung der Goldeinnahmen. Großbritannien
bildete somit keine Ausnahme im Zeitalter des
Merkantilismus.
Im 19. Jahrhundert wandelte sich die britische
Handelspolitik erheblich, und Großbritannien nahm
für lange Perioden eine Sonderstellung ein, die sich durch
eine unilaterale Handelsliberalisierung (mit einigen Ausnahmen)
auf Basis der unbedingten Meistbegünstigung auszeichnete.
So war es durch das Eden Abkommen von 1786 bereits zur einer
Senkung bestimmter Zölle zwischen Frankreich und
Großbritannien gekommen. Dieses Abkommen wurde jedoch
während des Kriegs mit Frankreich wieder
rückgängig gemacht, sowohl aus politischen als auch
aus finanziellen Gründen: Großbritannien brauchte
die Zolleinnahmen für die Kriegsfinanzierung. Nach dem
Sieg über Napoleon blieb die Handelspolitik Englands
zunächst noch restriktiv. 1815 wurden die von den
Großgrundbesitzern geforderten Getreidegesetze
(Einfuhrverbote für Getreide) eingeführt, um die
Preise für Getreide auf dem hohen Niveau der Kriegszeit zu
halten. Dies führte einerseits zu steigenden
Lebensmittelpreisen, insbesondere von Brot, andererseits zu
stärkeren Preisschwankungen, da z.B. Ernteausfälle
und damit verbundene Preissteigerungen für Getreide nicht
ausreichend durch Importe ausgeglichen werden konnten.
Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Massenelend nahmen
zu. Darüber hinaus blieben auch die vielfachen
Restriktionen sowohl für die Ausfuhren von Maschinen als
auch die Emigration von Facharbeitern zunächst noch
bestehen.
In den 1820er Jahren und insbesondere in den 1830er Jahren
stieg aufgrund der Depression der Druck der Industrie, das
Verbot von bestimmten Industriegüterexporten, darunter
Exporte von Maschinen, Wolle, Kohle, aufzuheben. Wichtig war
hier insbesondere der Druck der Manufakturbesitzer, die sich
gegen Aus- und Einfuhrzölle und für Freihandel
einsetzten. Nach einer Untersuchung durch das Parlament begann
man vorsichtig, die Ausfuhrzölle abzuschaffen. Die seit
1719 bestehende Restriktion der Emigration von Handwerkern war
bereits im Jahr 1825 aufgehoben worden. Die Argumente für
die Aufhebung der Ausfuhrzölle waren dreierlei: 1. waren
sie ineffektiv, da sie zum Schmuggel führten, 2. waren sie
nicht notwendig aufgrund des großen Vorsprungs
gegenüber der Industrie im Ausland und 3. waren sie aus
Sicht Großbritanniens schädlich, da sie die Preise
im Ausland auf Maschinen anhoben und somit einen Anreiz
für die Produktion von Maschinen im Ausland darstellten.
Letztlich wurden 1828 die Getreidegesetze über
Getreideeinfuhrverbote durch Zölle ersetzt, wobei der
Agrarprotektionismus jedoch zunächst bestehen blieb.
Aufgrund der negativen Implikationen des
Agrarprotektionismus forderten zahlreiche Ökonomen ihre
Abschaffung. 1838 gründete sich in Manchaster eine
Vereinigung, die spätere „Anti-Corn Law
League“, deren Ziel es war, eine unmittelbare und
vollständige Abschaffung der Kornzölle zu bewirken.
Hier spielte Richard Cobden eine Schlüsselrolle. Durch
Flugblätter, öffentliche Reden, Einflussnahme auf
Politiker und Informationen für die Landarbeiter,
versuchte die League eine Basis für die Freihandelsideen
außerhalb der Wirtschafts- und Politikwissenschaft zu
schaffen. Zunächst blieb die League jedoch trotz ihrer
Finanzkraft relativ erfolglos, da grundlegende Hindernisse
für die Senkung der Zölle bestanden. Das erste
Hindernis war finanzieller Natur, da die Regierung weiterhin
von Zöllen als wichtige Einnahmequelle abhing. Zweites
blieb die Wirkung der Forderungen der Anti-Corn League
begrenzt, da im Parlament sowohl auf Seiten der Tories
als auch der Whigs adlige Grundbesitzer dominierten, die
ein unmittelbares Interesse am Erhalt der Kornzölle
hatten. Erst beim konservativen Premierminister Sir Robert Peel
(Tory, 1834–1835, 1841–1846), den die League
erheblich in den Wahlen unterstützt hatte, fand sie ein
offenes Ohr. Er leistete den ersten politischen Anstoß,
der zur Ablösung des Merkantilismus durch den Freihandel
führte: 1842 hob er das Ausfuhrverbot für Maschinen
auf, schaffte die Exportsteuer auf Wolle ab und reduzierte die
Einfuhrzölle auf eine Vielzahl von Waren, insbesondere auf
Rohstoffe. Um den Verlust in den Einnahmen auszugleichen,
führte er eine Einkommenssteuer ein, die zunächst auf
drei Jahre beschränkt war. 1845 wurde diese für
weitere drei Jahre verlängert – dies war die
wichtigste Voraussetzung für weitere radikale
Zollsenkungen, da die Einkommenssteuer Zölle als
wichtigste staatliche Einnahmequelle ersetzte. Letztlich konnte
sich die Regierung den Forderungen der League nicht mehr
verschließen als eine katastrophale Hungersnot Irland von
1845 bis 1846 heimsuchte. Als Folge wurden 1846 die
Getreidezölle abgeschafft (Repeal of the Corn
Laws); 1848 trat das Gesetz voll in Kraft. Zwischen 1841
und 1846 schaffte Peel 605 Zölle ab und reduzierte
Zölle auf 1.035 Waren. Damit legte er die Basis für
die Erschließung einer neuen Wählerschaft aus dem
Mittelstand, spaltete jedoch auch die Konservativen in
Handelsliberale (Liberalkonservative) und Protektionisten. Die
Freihändler unter Peel traten den Liberalen (ehemaligen
Whigs), die Protektionisten den Konservativen unter Disraeli
bei.
Der Finanzminister und späterer Premierminister William
Gladstone (Tory, 1868–1874, 1880–1885,
1892–1894), der bereits Vizepräsident und
später Präsident des Boad of Trade unter Peel
gewesen war, vollendete, was Peel begonnen hatte. Er
argumentierte, dass der Hauptteil der Zolleinnahmen aus
Zöllen auf wenige Produkte resultierte, darunter vor allem
Tee, Kaffee, Zucker, Tabak. Einnahmen aus der Zollerhebung auf
andere Produkte seien hingegen so gering, dass sich der
administrative Aufwand nicht lohnte. Auch seien manche
Zölle so hoch, dass sie zum Schmuggel führten, was
wiederum die Zolleinnahmen reduzierte. Dementsprechend senkte
Gladstone die Zölle auf weitere 853 Güter in den
1850er und 1860er Jahren; 1860 waren nur noch 48 Waren mit
Zöllen belegt. Nur Zölle auf Zucker und Konfekt
blieben eine wichtige staatliche Einnahmequelle. Durch das
Haushaltsgesetz von 1860 wurde Großbritannien zu einer
Freihandelsnation auf internationaler Ebene.[7]
Gerade im Gegensatz zu Frankreich, Deutschland und den USA
stellt sich nun die Frage, warum sich in Großbritannien
langfristig der Freihandel durchsetzen konnte. So war
Großbritannien das einzige Land, das auch in den 1870er
Jahren seine Zölle nicht wieder anhob. Sowohl zur
Erklärung des zunehmenden Freihandels seit den 1820er
Jahren als auch für die Fortsetzung des Freihandels nach
1870 kann der Erklärungsansatz Gourevitchs zur Hilfe
genommen werden.
Folgendes Bild ergibt sich für die erste Hälfte
des 19. Jahrhunderts:
-
Erklärungsansatz basierend auf der
Wirtschaft eines Landes: Wie bereits
beschrieben profitieren dem Stolper-Samuelson
Theorem zufolge die Besitzer desjenigen Gutes, mit
dem ein Land vor der Handelsliberalisierung relativ
reich ausgestattet ist, da es nach der
Handelsliberalisierung intensiver für die
Produktion verwendet wird. Das Gut wird somit
knapper und teurer. Demnach wird sich der Besitzer
des Gutes, mit dem das Land reich ausgestattet ist,
für freien Handel einsetzen. Im Fall Englands
waren dies die Arbeiter und Industriebesitzer. Die
Besitzer des relativ knappen Gutes Boden standen
dahingegen einer Liberalisierung eher ablehnend
gegenüber.
Die früh entwickelte britische Industrie
hatte einen erheblichen komparativen und
kompetitiven Vorteil gegenüber den Industrien
Deutschlands, Frankreichs oder der USA. Sie
verfügte über Technologien, Know-How,
Produktionsverfahren und Maschinen, auf die andere
Länder nicht zurückgreifen konnten
– und somit über effizientere, billigere
und schnellere Produktionsprozesse. Dementsprechend
konnte sie ihre Waren zu niedrigen Preisen
anbieten. Aufgrund des niedrigen Wettbewerbsdrucks
setzte sich die Industrie in Großbritannien
weniger für Zölle auf Industrieprodukte
ein.
Gleichsam setzte sich die britische Industrie
gegen einen Agrarprotektionismus ein, da es durch
einen solchen zu erheblich höheren
Lebensmittelpreisen gekommen wäre, die
höhere Löhne bedingt hätten. Die
niedrigeren Lebensmittelpreise ermöglichten
hingegen niedrigere Lohnkosten und somit auch
niedrigere Produktionskosten, die den
Industriebesitzern einerseits eine breite
Gewinnspanne ermöglichten. Andererseits
konnten die Industriebesitzer ihre Produkte auf
ausländischen Märkten zu relativ
niedrigen Preisen anbieten und somit eine
internationale Vormachtstellung gewinnen. Des
Weiteren sollten die Abschaffung der
Getreidezölle und die Öffnung des
englischen Marktes einen Anreiz für
Kontinentaleuropa schaffen, sich weiter auf die
Agrarwirtschaft zu konzentrieren und die
Industrieproduktion zu vernachlässigen,
wodurch die aufkommende Industriekonkurrenz
eingedämmt werden sollte. Gerade der Deutsche
Zollverein wurde immer mehr als potentielle Gefahr
und Konkurrenz wahrgenommen. Darüber hinaus
befürwortete man keine Zölle, da man
zunehmend auf die ausländischen Märkte
als Absatzmärkte angewiesen war. Hier
befürchtete man, dass die Erhebung eigener
Zölle zu Vergeltungszöllen im Ausland
führen könnte.
Ferner unterstützte auch die Textilindustrie
die Anti-Corn League, wobei sie sich sowohl
für niedrigere Einfuhrzölle auf
Rohbaumwolle, als auch Getreide einsetzte. Auch
argumentierte sie, dass durch die unilaterale
Marktöffnung Englands ein Anreiz für
andere Länder geschaffen würde, ihre
Märkte für englische Produkte zu
öffnen.
Auch die Arbeiterklasse, sowohl die Industrie- als
auch die Landarbeiter, setzte sich für eine
Aufhebung der Getreidezölle ein, um die Kosten
für Lebensmittel relativ niedrig zu halten.
Sie sahen die Getreidezölle als eine Art
Steuer auf Lebensmittel an, die insbesondere die
Industriearbeiter hart traf. Während die
Löhne relativ starr waren und sich den
steigenden Preisen kaum anpassten, stiegen die
Lebensmittelpreise, und das Einkommen der Arbeiter
sank. Doch auch die Landarbeiter profitierten nicht
von den Zöllen: So kamen die höheren
Einnahmen, die aus steigenden Preisen auf im Inland
produziertem Getreide resultierten, vornehmlich den
Landbesitzern zu Gute. Profitierten dementsprechend
die Landbesitzer von den Zöllen, mussten die
Kaufleute, die Industriellen und die Arbeiterklasse
die Kosten tragen.
Neben der Steuer auf Lebensmittel führte die
Anti-Corn League einen weiteren Grund an,
warum die Getreidezölle aufgehoben werden
sollten: So versprachen sie sich durch die
Aufhebung der Zölle einen steigenden
Wettbewerbsdruck und darüber eine
Effizienz-steigerung der heimischen
Landwirtschaft.
Während sich die Landbesitzer in
Großbritannien generell für
Schutzzölle aussprachen, waren ihre
Forderungen nach Protektionismus jedoch sehr viel
schwächer als die der Landwirtschaft z.B. in
Frankreich oder Deutschland, da die Auswirkungen
der Abschaffung der Getreidezölle auf die
britische Landwirtschaft zunächst relativ
gering waren. So waren die weltweite Produktion von
Getreide noch zu niedrig und die
Transportmöglichkeiten zu schlecht, als dass
steigende Getreideimporte eine Krise in der
Landwirtschaft hätten verursachen können.
Dementsprechend bildete sich keine Protestbewegung
im Agrarsektor, die sich für eine
Wiedereinführung der Agrarzölle nach 1846
einsetzte. Auch blieben die Getreidepreise bis in
die 1870er Jahre relativ stabil. Dies lag nicht
daran, dass die Abschaffung der Getreidezölle
wirkungslos gewesen wäre. Vielmehr gab es
zahlreiche Faktoren, darunter die steigende
Nachfrage, die Industrialisierung und die Kriege
Englands, die den Preisdruck kompensierten.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
politischen System eines Landes: Nun stellt
sich die Frage, wie sich die Interessen der
Industrie durchsetzen konnten. Wichtige
Voraussetzungen für die Abschaffung der
Getreidezölle waren das Reformgesetz von 1832
und eine damit verbundene Machtverschiebung von der
Aristokratie und den Landbesitzern auf die
Industriellen. Das Gesetz beinhaltete eine
Neuverteilung der Parlamentssitze zugunsten der
Wahlkreise der schnell wachsenden
Industriestädte und eine einfachere
Besitzstands-ermittlung der Wahlanwärter,
wodurch die männliche Bevölkerung der
oberen Mittelschicht das Wahlrecht erhielt. Als
Folge wuchs die Zahl der Wahlberechtigten um die
Hälfte an. Diese Maßnahmen stärkten
die Industriellen, während die Aristokratie
und die Großgrundbesitzer geschwächt
wurden. Dementsprechend kam es auch zu einer
Kurswende in der Handelspolitik. Erleichtert wurde
die Politik des Freihandels demnach durch die neue
Machtstellung der Industriellen im politischen
System.
Die Reformgesetze hatten gezeigt, dass die Zukunft
Englands in der Industrie lag, so dass sich die
Parteien mehr an den Interessen der Industrie
orientierten. Dies wurde durch die zunehmende
Verschmelzung der Interessen der Aristokratie mit
denen der Industrie noch verstärkt. Auch
starke bürokratische Interessen
unterstützen den Freihandel, darunter das
Finanzministerium und das Board of Trade,
die sich für die Handelsliberalisierung und
eine Laisser-faire Politik einsetzten. Gerade in
den 1830er und 1840er Jahren während der
Debatte um die Abschaffung der Getreidezölle
war ihr Einfluss bedeutend. Ob diese Einstellung
der Bürokraten durch finanzielle oder
ideologische Interessen verursacht war, ist
allerdings unklar. Auch muss der Einfluss von
Persönlichkeiten und Politikern genannt
werden, darunter Cobden, Peel und Gladstone, die
sich – überzeugt von den
Freihandelsideen – für deren politische
Umsetzung einsetzten.
Wichtig war daneben der Einfluss der Anti-Corn
League, die zu einer breiten und
einflussreichen Interessengruppe geworden war und
sich für niedrige Lebensmittelpreise und gegen
die Privilegien der landbesitzenden Aristokratie
einsetzte.
Letztlich muss das innenpolitische Interesse der
Regierung genannt werden: Während viele
Länder Europas mit Aufständen und
Revolutionen zu kämpfen hatten, war
Großbritannien bislang verschont geblieben.
Die Reformgesetze und der Freihandel (niedrige
Lebensmittelpreise) waren somit ein
Zugeständnis an die Bevölkerung –
auch mit dem Ziel, den sozialen Frieden zu sichern.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
internationalen System: Bedeutend für
die
Handelspolitik Großbritanniens war
sicherlich auch seine Stellung im internationalen
System. Ziel war hier vor allem die Sicherung
seiner Vormachtstellung, gerade im
Industriegüterbereich. Um den Zugang zu
ausländischen Märkten zu sichern, musste
Großbritannien jedoch seinerseits ebenfalls
freien Marktzutritt – insbesondere im Bereich
der Agrargüter – anbieten. Auch im
Industriegüterbereich konnte es aufgrund des
erheblich kompetitiven Vorsprungs seiner Industrie
einen relativ großen Marktzugang
gewähren.
Eine wichtige Grundlage für die
Freihandelspolitik Englands war außerdem
seine Kolonialpolitik. Während Länder wie
Frankreich oder Deutschland befürchteten, dass
sie durch die steigenden Agrarimporte immer mehr
von anderen Ländern abhängig würden,
war für England die Versorgung durch seine
Kolonien und das britische Empire relativ gesichert
und stabil. So waren die Länder des Empires in
vielerlei Hinsicht – gerade bei den
Kapitalimporten – von Großbritannien
abhängig. Darüber hinaus dienten die
Kolonien und Länder des Empires als wichtiger
Absatzmarkt für Großbritannien. Aufgrund
der bedeutenden Rolle, die die Kolonien nicht nur
für die britische Handelspolitik spielten,
waren sie häufig auch aus dem Grundsatz der
unbedingten Meistbegünstigung ausgeschlossen:
Länder, die Zugang zum englischen Markt
erhielten, hatten dementsprechend nicht automatisch
uneingeschränkten Zugang zu den Kolonien.
Letztlich müssen auch Englands Rolle als
Seemacht (starke Flotte, geringere Bedeutung eines
stehenden Heeres) und seine Handelsmacht genannt
werden.
-
Erklärungsansatz basierend auf
Ideologien: Wichtig für die britische
Handelspolitik war letztlich die ideologische
Basis. Ideologisch getragen wurde der unilaterale
Zollabbau Englands durch die Handelstheorien von
Adam Smith und David Ricardo. Die vorherrschende
Denkschule, die die Wirtschaftspolitik allgemein
geprägt hat, war der Liberalismus –
zuerst der Liberalismus von Adam Smith, später
der Manchester Liberalismus. Auch glaubte man an
David Humes Argument, dass eine unilaterale
Handelsliberalisierung automatisch die Märkte
der anderen Länder öffnen würde, da
diese dem Beispiel Englands folgen würden.
Eine reziproke Handelsliberalisierung sei
dahingegen gefährlich, da sie die
wirtschaftlichen Prozesse politisieren würde.
Letztlich argumentierte Cobden basierend auf den
Ideen Kants, dass weltweiter Freihandel zu
internationaler Stabilität und Frieden
führen würde.
[8]
1.4.2 Die Handelspolitik Englands seit 1860
In den 1860er Jahren kam es in Europa durch den
Abschluss einer Reihe reziproker Handelsabkommen zu einer
kurzen Periode des Freihandels. Obwohl Großbritannien
aufgrund seiner bereits unilateral vollzogenen
Handelsliberalisierung selbst keinen bedeutenden Zollabbau
anbieten konnte, schloss es doch das Abkommen mit
Frankreich, das der Auslöser für die Vielzahl der
internationalen Handelsabkommen gewesen war: das
Cobden-Chevalier Abkommen. In diesem Abkommen
erklärte sich Großbritannien bereit, seine
Zölle auf bestimmte Industrieprodukte, insbesondere
Zölle auf Luxusgüter wie Seide, Teppiche, Schals
etc. (auch wenn diese bereits sehr niedrig waren),
abzuschaffen und Zölle auf Weinbrand und Wein zu
reduzieren – denn gerade diese Güter behinderten
den Handel zwischen Großbritannien und Frankreich.
Großbritannien begründete dieses Abkommen auf
der uneingeschränkte (unbedingten)
Meistbegünstigung, räumte die Zugeständnisse
also nicht nur Frankreich, sondern auch allen andern
Ländern ein, mit denen es Abkommen unterhielt.
Frankreich legte das Abkommen allerdings rein bilateral aus
und räumte seine Vergünstigungen –
Zollminderungen auf britische Kohle, Eisen, Stahl,
Maschinen, Garn und Fertigprodukte (Hanf und
Flachs) – nur Großbritannien
gegenüber ein. Dennoch wurde die unbedingte
Meistbegünstigung zu einem Vorbild für viele
andere Handelsabkommen.
In den 1870er Jahren kam es erneut zu einer Wende in der
Handelspolitik der Länder Europas, und Zölle
wurden erneut angehoben. Unmittelbarer Auslöser
hiervon waren die weltweit sinkenden Getreidepreise.
Großbritannien hielt jedoch im Gegensatz zu
Ländern wie Deutschland und Frankreich an seiner
Freihandelspolitik fest. In den 1870er Jahren ergab sich in
Großbritannien das folgende Bild:
-
Erklärungsansatz basierend auf der
Wirtschaft eines Landes: Zwar hatte die
britische Industrie nach wie vor einen
Wettbewerbsvorsprung gegenüber den Industrien
Deutschlands oder Frankreichs, doch war dieser
immer mehr geschrumpft. Die Nachfrage nach
britischen Produkten hatte abgenommen und der
Wettbewerb durch Industrieprodukte aus dem Ausland
war stetig gestiegen. Auch geriet die britische
Industrie in der Wirtschaftskrise der frühen
1870er Jahren aufgrund der fallenden Preise und der
sinkenden Nachfrage nach englischen Produkten
erheblich unter Druck. Englands Vorsprung als
Industrie- und Handelsmacht nahm also stetig ab.
Dennoch blieben die Forderungen nach
Protektionismus mit Ausnahme einer kleinen Gruppe,
der Fair Trade League, vergleichsweise
gering. Besonders die Kaufleute (Schifffahrt)
setzten sich vehement für den Erhalt eines
offenen Handelssystems in den 1870er Jahren ein und
unterstützten die Industrie.
Auch der britische Landwirtschaftssektor
befürwortete im späten 19. Jahrhundert
weniger stark protektionistische Maßnahmen
als es in anderen Ländern der Fall gewesen
war. Obwohl auch in Großbritannien in den
1870er Jahren Getreideimporte rapide anstiegen und
die Preise dementsprechend fielen, schloss sich die
englische Aristokratie (die
Großgrundbesitzer) nicht den Forderungen der
Bauern in Frankreich oder Deutschland an. So war
die britische Agrarwirtschaft weniger stark von den
sinkenden Preisen betroffen als die des Kontinents.
Erstens hatten sich die Innovationen der
Industrialisierung in Großbritannien auch im
Agrarsektor durchgesetzt, was zu erheblichen
Effizienzsteigerungen führte. Zweitens war es
durch die Industrialisierung zu einer Verschiebung
der Produk- tionsanreize
gekommen: Da die Nachfrage nach höher
verarbeiteten Lebensmitteln (Fleisch,
Milchprodukte) in den Städten gestiegen war,
hatten sich immer mehr Landwirtschaftsbetriebe auf
die Herstellung dieser Produkte spezialisiert.
Besonders die Produzenten von Fleisch und
Milchprodukten identifizierten ihre Interessen mit
denen der Industrie, da diese ihr vorrangiger
Absatzmarkt war, während billiges Getreide
(Futtermittel) ihre Produktionskosten senkte.
Letztlich hingen die britischen Landbesitzer in
Hinblick auf ihr Einkommen weniger vom Boden ab als
die Junker in Deutschland. Vielmehr hatten sie auch
in den Bergbau, die Industrie und den Handel
investiert, so dass auch hier ihre Interessen mit
denen der Industrie verschmolzen.
Getragen wurde die Freihandelspolitik letztlich
auch durch die Arbeiterklasse, die niedrige
Lebensmittelpreise sichern wollten. Folglich
bestand eine breite Koalition von
Freihändlern, die so in andern Ländern
nicht vorzufinden war.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
politischen System eines Landes: Erleichtert
wurde die Politik des Freihandels insbesondere
durch die Stellung der Industriellen im politischen
System. Gerade die Wahlniederlage von Peel und den
Tories hatte gezeigte, dass die Zukunft
Englands in der Industrie lag, so dass sich die
Parteien mehr an den Interessen dieser
orientierten. Verstärkt wurde dies noch durch
die zunehmende Verschmelzung der Interessen der
Aristokratie mit denen der Industrie. Wichtig war
auch weiterhin der Einfluss der Anti-Corn
League, die zu einer breiten und
einflussreichen Interessengruppe geworden war. Auch
war das Wahlrecht durch verschiedene Reformgesetze
immer weiter ausgedehnt worden. Da in den 1880er
Jahren fast universales Wahlrecht der
männlichen Bevölkerung galt, waren die
Implikationen steigender oder gleichbleibender
Lebensmittelpreise und Lebenshaltungskosten
für die Wahlen von großer Bedeutung.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
internationalen System: Um zu erklären,
warum die Industriellen in den 1870er Jahren nicht
vermehrt Protektionismus gefordert haben, muss auch
die Stellung Englands auf internationaler Ebene
berücksichtigt werden. So blieb trotz der
Krise von 1873 die Nachfrage nach englischen
Produkten im britischen Empire, den Kolonien,
Kanada und Australien relativ stabil.
-
Erklärungsansatz basierend auf
wirtschaftlichen Ideologien: Wichtig ist
letztlich die ideologische Basis der britischen
Handelspolitik. Weiterhin stark von den Ideen Adam
Smiths, David Ricardos und dem
Manchester-Liberalismus geprägt,
überwogen die Argumente für den
Freihandel erheblich.
[9]
Dementsprechend kam es Ende des 19. Jahrhunderts in
England im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern
Europas nicht zu einem Wiederaufleben protektionistischer
Maßnahmen.
1.5 Die Handelspolitik Frankreichs nach 1860
Auch Frankreichs Handelspolitik kann mit Hilfe des
Erklärungsmusters von Gourevitch näher untersucht
werden. Im Folgenden soll die Handelspolitik Frankreichs
nach 1870 kurz beispielhaft beschrieben werden. In den
1860er Jahren hatte Frankreich zahlreiche reziproke
Abkommen mit seinen Handelspartnern in Europa
abgeschlossen. An erster Stelle ist hier das
Cobden-Chevalier Abkommen zwischen Frankreich und England
zu nennen. Hierunter hatte Frankreich Großbritannien
gegenüber Zollminderungen auf britische Kohle, Eisen,
Stahl, Maschinen, Garn und Fertigprodukte (Hanf und
Flachs) eingeräumt. Es folgten Abkommen mit dem
Deutschen Zollverein (1862), Italien (1863) und der Schweiz
(1864). Des Weiteren schloss Frankreich 1865 Abkommen mit
Schweden, Norwegen, den Hansestädten, Spanien und
Holland ab. Abkommen mit Österreich und Portugal
folgten in den Jahren 1866 und 1867.
Das Jahr 1872 markiert für Frankreich das Ende der
reziproken Handelsabkommen und das Wiederaufflammen
zahlreicher protektionistischer Maßnahmen. 1872
machte Frankreich das Cobden-Chevalier Abkommen
rückgängig und hob 1881 seine Zölle auf
Industriegüter erheblich an; die kurze Periode des
reziproken Zollabbaus war somit für Frankreich
beendet. Im gleichen Jahr wurden US-amerikanische
Fleischprodukte als ungesund und unhygienisch deklariert.
1884 wurden Zölle auf Zucker verhängt; 1885 und
1887 wurden Zölle auf Getreide und Fleischprodukte
erhoben. Eine breite Deckung von Agrar- und
Industrieprodukten wurde durch den Méline Zoll von
1892 erzielt. Bis 1910 stiegen die Zölle
kontinuierlich an.
-
Erklärungsansatz basierend auf der
Wirtschaft eines Landes: Frankreichs Industrie
war im Gegensatz zu Ländern, die einen relativ
späten Industrialisierungsprozess vollzogen
hatten (Deutschland, USA), weniger effizient.
Dementsprechend setzten sich die Schwerindustrie,
die Hersteller von hochspezialisierten
Fertigprodukten und die Textilindustrie für
einen Schutz gegen ausländische Konkurrenz
ein. Nur die kleinen Produzenten
wettbewerbsfähiger Güter (insbesondere
Produzenten in Paris und Lyon von Parfüm,
Seide, Spielzeug und Schmuck) und die Kaufleute
lehnten Schutzzölle ab. Gleichzeitig lehnten
alle Industriezweige Zölle auf Agrarprodukte
ab, da sie niedrige Lebensmittelpreise
wünschten, um so die Lebenshaltungskosten,
Löhne und Produktionskosten niedrig halten zu
können.
Die Landwirtschaftsinteressen waren in Frankreich
ebenso diversifiziert wie in Deutschland. Zwar
zeichnete sich Frankreich durch eine bessere
Bodenqualität, zumeist kleinere Betriebe,
freiere Landarbeiter und eine weniger starke
Abhängigkeit des Einkommens vom Boden aus,
doch waren die größeren Betriebe wie in
Deutschland stark von den sinkenden Getreidepreisen
betroffen. Anstatt den kostspieligen Weg einer
Umstellung der Agrarproduktion auf die Milch- und
Fleischproduktion zu wählen, forderten auch
sie die Erhebung von Schutzzöllen. Nur
kleinere Produzenten, die Weinbauern und
Produzenten von Milchprodukten und Fleisch vor
allem in der Normandie, lehnten den
Agrarprotektionismus ab. Während der
Agrarsektor hinsichtlich des Agrarprotektionismus
gespalten war, lehnte er doch insgesamt einen
Industrieprotektionismus ab, da dieser zu
steigenden Preisen auf Industriegüter
geführt hätte.
Auch das Stolper-Samuelson Modell sagt voraus,
dass sich der Großteil des Agrarsektors als
Besitzer des knappen Gutes Boden in Frankreich
für Protektionismus einsetzen würde.
Ronald Rogowski argumentiert ähnlich: Er nimmt
an, dass sich der Besitzer des knappen Gutes
für Protektionismus, der Besitzer desjenigen
Gutes, das reichlich vorhanden ist, für
Freihandel einsetzen wird, wobei er Land, Arbeiter
und Kapital betrachtet. Die Arbeiter (reichlicher
Faktor) setzten sich dementsprechend für
Freihandel, die Landbesitzer für
Protektionismus ein. Während sich die
Kapitalbesitzer (Industrie) in Ländern mit
reichlichem Kapital (Großbritannien) für
Freihandel einsetzten, befürworteten sie in
anderen Ländern wie Frankreich und
Deutschland, in denen Kapital noch relativ knapp
war, Protektionismus.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
politischen System eines Landes: Nun muss man
fragen, wie diese Interessen umgesetzt werden
konnten. Erstens ließ sich die Gruppe der
Landbesitzer und der Industriellen aufgrund ihrer
begrenzten Zahl schneller und einfacher
organisieren als die große Zahl der
Konsumenten, die von billigen Getreideimporten
profitiert hätten. Dementsprechend konnten sie
auch einen größeren Druck auf die
politischen Entscheidungsträger
ausüben.
Zweitens kam es in Frankreich zu einer Koalition
zwischen den Großgrundbesitzern und der
Industrie, die sich selbständig, ohne Hilfe
von der Regierung, wie es z.B. in Deutschland der
Fall gewesen war, organisierte. Sie übten
ihren Einfluss hauptsächlich durch das
Parteiensystem und die Wahlen aus und nicht wie in
Deutschland durch ihre Stellung im politischen
System oder durch besondere Persönlichkeiten,
die ihre Interessen öffentlich vertraten.
-
Erklärungsansatz basierend auf dem
internationalen System: Internationale
Rivalitäten stärkten in Frankreich den
Wunsch, im Bereich der Lebensmittelproduktion
unabhängig zu bleiben. Das Cobden-Chevalier
Abkommen war hauptsächlich verhandelt worden,
um Frankreichs Beziehungen mit Großbritannien
zu sichern.
-
Erklärungsansatz basierend auf
wirtschaftlichen Ideologien: Im Hinblick auf
den wirtschaftlich-ideologisch basierten
Erklärungsansatz muss betont werden, dass
Frankreich weiterhin stark von seinen Erfahrungen
mit dem Merkantilismus geprägt war und gerade
im Vergleich mit Großbritannien eine sehr
interventionistische Wirtschaftspolitik verfolgte.
Eine breite oder gar ideologische
Unterstützung für den Freihandel hatte es
in Frankreich nicht gegeben. Somit kehrte man eher
zum Status quo vor dem Cobden-Chevalier Abkommen
zurück – Protektionismus war hier nichts
Neues.
[10]
[7]
Conybeare, John: „Leadership by Example? Britain and the Free Trade Movement of
the Nineteenth Century”, in: Jagdish Bhagwati (Hg.), Going Alone. The Case
for Relaxed Reciprocity in Freeing Trade, Cambridge, MA. 2002, S. 33-57;
Kenwood, A.G. und A. L. Lougheed: The
Growth of the International Economy 1820-1980, London 1983, S. 73-104.
[8]
Kindleberger, Charles: „The Rise of Free Trade in Western Europe“, in: Jeffry
A. Frieden und David A. Lake (Hg.), International Political Economy: Perspectives
on Global Power and Wealth,
London 2000, S. 73-89.
[9]
Vgl. Gourevitch, S. 100 f..
[10]
Vgl. Gourevitch, S. 99f.
Fortsetzung: Die Geschichte der internationalen Handelsbeziehungen
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