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Fortsetzung: Die Geschichte der internationalen Handelsbeziehungen

Stormy Mildner

1.4 Die Handelspolitik Englands im 19. Jahrhundert

1.4.1 Die Handelspolitik Englands bis 1860

Traditionell war Großbritannien – wie auch die anderen europäischen Länder – keine Freihandelsnation. Auch in Großbritannien dominierte zunächst die interventionistisch, merkantilistisch geprägte Wirtschaftspolitik, die mit hohen Zöllen einher ging. Ein Beispiel hierfür war der sogenannte Navigation-Act von 1651, der ursprünglich gegen die holländische Handelsdominanz gerichtet und während des Handelskriegs zwischen Großbritannien und den Niederlanden durch Oliver Cromwell erlassen worden war. Er hatte folgende Inhalte, die den niederländischen Seehandel erheblich beeinträchtigten: 1. Nur englischen Schiffen war es erlaubt, mit englischen Kolonien Handel zu treiben; 2. die Küstenschiffahrt und -fischerei Großbritanniens war nur englischen Schiffen erlaubt; 3. europäische Waren durften nur auf englischen Schiffen oder auf denen des Herstellungslandes eingeführt werden. Auch als die Niederlande ihre Vormachtstellung bereits verloren hatten, wurde dieses Gesetz immer wieder verlängert und modifiziert (1662, 1663, 1670, 1673, 1696). Ein weiteres klassisches Beispiel für merkantilistische Handelsverträge ist der Methuen-Vertrag von 1703, der nur der Form nach auf Gegenseitigkeit beruhte, inhaltlich jedoch ganz bewusst auf die Schädigung des anderen Landes abzielte. In dem 1703 von John Methuen zwischen Großbritannien und Portugal ausgehandelten Vertrag verzichtete Portugal auf den Aufbau einer eigenen Tuchindustrie und verpflichtete sich, englisches Tuch zu kaufen. Im Gegenzug räumte Großbritannien Portugal einen Zollvorteil auf portugiesischen Wein ein. Durch diesen Vertrag kam es zur Aufnahme des Handels zwischen Großbritannien und Portugal und zu erheblichen Tuchexporten nach Portugal. Ursprünglich gegen die französische Wirtschaft gerichtet, hatte der Vertrag weitreichende Auswirkungen auf Portugal: Wirtschaftlich wurde Portugal (Agrarstaat) von dem Industriestaat Großbritannien abhängig. Da es die hohen Tuchimporte nicht mehr durch seine Weinexporte ausgleichen konnte, geriet seine Handelsbilanz ins Negative. Die ständig negative Handelsbilanz Portugals musste mit Edelmetall ausgeglichen werden und führte zu einem stetigen Abfluss der Goldreserven Portugals nach Großbritannien. Großbritannien hatte folglich zwei Ziele des Merkantilismus erreicht: Eine Steigerung der Exporte und einer Steigerung der Goldeinnahmen. Großbritannien bildete somit keine Ausnahme im Zeitalter des Merkantilismus.

Im 19. Jahrhundert wandelte sich die britische Handelspolitik erheblich, und Großbritannien nahm für lange Perioden eine Sonderstellung ein, die sich durch eine unilaterale Handelsliberalisierung (mit einigen Ausnahmen) auf Basis der unbedingten Meistbegünstigung auszeichnete. So war es durch das Eden Abkommen von 1786 bereits zur einer Senkung bestimmter Zölle zwischen Frankreich und Großbritannien gekommen. Dieses Abkommen wurde jedoch während des Kriegs mit Frankreich wieder rückgängig gemacht, sowohl aus politischen als auch aus finanziellen Gründen: Großbritannien brauchte die Zolleinnahmen für die Kriegsfinanzierung. Nach dem Sieg über Napoleon blieb die Handelspolitik Englands zunächst noch restriktiv. 1815 wurden die von den Großgrundbesitzern geforderten Getreidegesetze (Einfuhrverbote für Getreide) eingeführt, um die Preise für Getreide auf dem hohen Niveau der Kriegszeit zu halten. Dies führte einerseits zu steigenden Lebensmittelpreisen, insbesondere von Brot, andererseits zu stärkeren Preisschwankungen, da z.B. Ernteausfälle und damit verbundene Preissteigerungen für Getreide nicht ausreichend durch Importe ausgeglichen werden konnten. Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Massenelend nahmen zu. Darüber hinaus blieben auch die vielfachen Restriktionen sowohl für die Ausfuhren von Maschinen als auch die Emigration von Facharbeitern zunächst noch bestehen. 

In den 1820er Jahren und insbesondere in den 1830er Jahren stieg aufgrund der Depression der Druck der Industrie, das Verbot von bestimmten Industriegüterexporten, darunter Exporte von Maschinen, Wolle, Kohle, aufzuheben. Wichtig war hier insbesondere der Druck der Manufakturbesitzer, die sich gegen Aus- und Einfuhrzölle und für Freihandel einsetzten. Nach einer Untersuchung durch das Parlament begann man vorsichtig, die Ausfuhrzölle abzuschaffen. Die seit 1719 bestehende Restriktion der Emigration von Handwerkern war bereits im Jahr 1825 aufgehoben worden. Die Argumente für die Aufhebung der Ausfuhrzölle waren dreierlei: 1. waren sie ineffektiv, da sie zum Schmuggel führten, 2. waren sie nicht notwendig aufgrund des großen Vorsprungs gegenüber der Industrie im Ausland und 3. waren sie aus Sicht Großbritanniens schädlich, da sie die Preise im Ausland auf Maschinen anhoben und somit einen Anreiz für die Produktion von Maschinen im Ausland darstellten. Letztlich wurden 1828 die Getreidegesetze über Getreideeinfuhrverbote durch Zölle ersetzt, wobei der Agrarprotektionismus jedoch zunächst bestehen blieb.

Aufgrund der negativen Implikationen des Agrarprotektionismus forderten zahlreiche Ökonomen ihre Abschaffung. 1838 gründete sich in Manchaster eine Vereinigung, die spätere „Anti-Corn Law League“, deren Ziel es war, eine unmittelbare und vollständige Abschaffung der Kornzölle zu bewirken. Hier spielte Richard Cobden eine Schlüsselrolle. Durch Flugblätter, öffentliche Reden, Einflussnahme auf Politiker und Informationen für die Landarbeiter, versuchte die League eine Basis für die Freihandelsideen außerhalb der Wirtschafts- und Politikwissenschaft zu schaffen. Zunächst blieb die League jedoch trotz ihrer Finanzkraft relativ erfolglos, da grundlegende Hindernisse für die Senkung der Zölle bestanden. Das erste Hindernis war finanzieller Natur, da die Regierung weiterhin von Zöllen als wichtige Einnahmequelle abhing. Zweites blieb die Wirkung der Forderungen der Anti-Corn League begrenzt, da im Parlament sowohl auf Seiten der Tories als auch der Whigs adlige Grundbesitzer dominierten, die ein unmittelbares Interesse am Erhalt der Kornzölle hatten. Erst beim konservativen Premierminister Sir Robert Peel (Tory, 1834–1835, 1841–1846), den die League erheblich in den Wahlen unterstützt hatte, fand sie ein offenes Ohr. Er leistete den ersten politischen Anstoß, der zur Ablösung des Merkantilismus durch den Freihandel führte: 1842 hob er das Ausfuhrverbot für Maschinen auf, schaffte die Exportsteuer auf Wolle ab und reduzierte die Einfuhrzölle auf eine Vielzahl von Waren, insbesondere auf Rohstoffe. Um den Verlust in den Einnahmen auszugleichen, führte er eine Einkommenssteuer ein, die zunächst auf drei Jahre beschränkt war. 1845 wurde diese für weitere drei Jahre verlängert – dies war die wichtigste Voraussetzung für weitere radikale Zollsenkungen, da die Einkommenssteuer Zölle als wichtigste staatliche Einnahmequelle ersetzte. Letztlich konnte sich die Regierung den Forderungen der League nicht mehr verschließen als eine katastrophale Hungersnot Irland von 1845 bis 1846 heimsuchte. Als Folge wurden 1846 die Getreidezölle abgeschafft (Repeal of the Corn Laws); 1848 trat das Gesetz voll in Kraft. Zwischen 1841 und 1846 schaffte Peel 605 Zölle ab und reduzierte Zölle auf 1.035 Waren. Damit legte er die Basis für die Erschließung einer neuen Wählerschaft aus dem Mittelstand, spaltete jedoch auch die Konservativen in Handelsliberale (Liberalkonservative) und Protektionisten. Die Freihändler unter Peel traten den Liberalen (ehemaligen Whigs), die Protektionisten den Konservativen unter Disraeli bei.

Der Finanzminister und späterer Premierminister William Gladstone (Tory, 1868–1874, 1880–1885, 1892–1894), der bereits Vizepräsident und später Präsident des Boad of Trade unter Peel gewesen war, vollendete, was Peel begonnen hatte. Er argumentierte, dass der Hauptteil der Zolleinnahmen aus Zöllen auf wenige Produkte resultierte, darunter vor allem Tee, Kaffee, Zucker, Tabak. Einnahmen aus der Zollerhebung auf andere Produkte seien hingegen so gering, dass sich der administrative Aufwand nicht lohnte. Auch seien manche Zölle so hoch, dass sie zum Schmuggel führten, was wiederum die Zolleinnahmen reduzierte. Dementsprechend senkte Gladstone die Zölle auf weitere 853 Güter in den 1850er und 1860er Jahren; 1860 waren nur noch 48 Waren mit Zöllen belegt. Nur Zölle auf Zucker und Konfekt blieben eine wichtige staatliche Einnahmequelle. Durch das Haushaltsgesetz von 1860 wurde Großbritannien zu einer Freihandelsnation auf internationaler Ebene.[7]

Gerade im Gegensatz zu Frankreich, Deutschland und den USA stellt sich nun die Frage, warum sich in Großbritannien langfristig der Freihandel durchsetzen konnte. So war Großbritannien das einzige Land, das auch in den 1870er Jahren seine Zölle nicht wieder anhob. Sowohl zur Erklärung des zunehmenden Freihandels seit den 1820er Jahren als auch für die Fortsetzung des Freihandels nach 1870 kann der Erklärungsansatz Gourevitchs zur Hilfe genommen werden.

Folgendes Bild ergibt sich für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts:

1.4.2 Die Handelspolitik Englands seit 1860

In den 1860er Jahren kam es in Europa durch den Abschluss einer Reihe reziproker Handelsabkommen zu einer kurzen Periode des Freihandels. Obwohl Großbritannien aufgrund seiner bereits unilateral vollzogenen Handelsliberalisierung selbst keinen bedeutenden Zollabbau anbieten konnte, schloss es doch das Abkommen mit Frankreich, das der Auslöser für die Vielzahl der internationalen Handelsabkommen gewesen war: das Cobden-Chevalier Abkommen. In diesem Abkommen erklärte sich Großbritannien bereit, seine Zölle auf bestimmte Industrieprodukte, insbesondere Zölle auf Luxusgüter wie Seide, Teppiche, Schals etc. (auch wenn diese bereits sehr niedrig waren), abzuschaffen und Zölle auf Weinbrand und Wein zu reduzieren – denn gerade diese Güter behinderten den Handel zwischen Großbritannien und Frankreich. Großbritannien begründete dieses Abkommen auf der uneingeschränkte (unbedingten) Meistbegünstigung, räumte die Zugeständnisse also nicht nur Frankreich, sondern auch allen andern Ländern ein, mit denen es Abkommen unterhielt. Frankreich legte das Abkommen allerdings rein bilateral aus und räumte seine Vergünstigungen – Zollminderungen auf britische Kohle, Eisen, Stahl, Maschinen, Garn und Fertigprodukte (Hanf und Flachs) – nur Großbritannien gegenüber ein. Dennoch wurde die unbedingte Meistbegünstigung zu einem Vorbild für viele andere Handelsabkommen. 

In den 1870er Jahren kam es erneut zu einer Wende in der Handelspolitik der Länder Europas, und Zölle wurden erneut angehoben. Unmittelbarer Auslöser hiervon waren die weltweit sinkenden Getreidepreise. Großbritannien hielt jedoch im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland und Frankreich an seiner Freihandelspolitik fest. In den 1870er Jahren ergab sich in Großbritannien das folgende Bild:

Dementsprechend kam es Ende des 19. Jahrhunderts in England im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas nicht zu einem Wiederaufleben protektionistischer Maßnahmen.

1.5 Die Handelspolitik Frankreichs nach 1860

Auch Frankreichs Handelspolitik kann mit Hilfe des Erklärungsmusters von Gourevitch näher untersucht werden. Im Folgenden soll die Handelspolitik Frankreichs nach 1870 kurz beispielhaft beschrieben werden. In den 1860er Jahren hatte Frankreich zahlreiche reziproke Abkommen mit seinen Handelspartnern in Europa abgeschlossen. An erster Stelle ist hier das Cobden-Chevalier Abkommen zwischen Frankreich und England zu nennen. Hierunter hatte Frankreich Großbritannien gegenüber Zollminderungen auf britische Kohle, Eisen, Stahl, Maschinen, Garn und Fertigprodukte (Hanf und Flachs) eingeräumt. Es folgten Abkommen mit dem Deutschen Zollverein (1862), Italien (1863) und der Schweiz (1864). Des Weiteren schloss Frankreich 1865 Abkommen mit Schweden, Norwegen, den Hansestädten, Spanien und Holland ab. Abkommen mit Österreich und Portugal folgten in den Jahren 1866 und 1867.

Das Jahr 1872 markiert für Frankreich das Ende der reziproken Handelsabkommen und das Wiederaufflammen zahlreicher protektionistischer Maßnahmen. 1872 machte Frankreich das Cobden-Chevalier Abkommen rückgängig und hob 1881 seine Zölle auf Industriegüter erheblich an; die kurze Periode des reziproken Zollabbaus war somit für Frankreich beendet. Im gleichen Jahr wurden US-amerikanische Fleischprodukte als ungesund und unhygienisch deklariert. 1884 wurden Zölle auf Zucker verhängt; 1885 und 1887 wurden Zölle auf Getreide und Fleischprodukte erhoben. Eine breite Deckung von Agrar- und Industrieprodukten wurde durch den Méline Zoll von 1892 erzielt. Bis 1910 stiegen die Zölle kontinuierlich an.


[7] Conybeare, John: „Leadership by Example? Britain and the Free Trade Movement of the Nineteenth Century”, in: Jagdish Bhagwati (Hg.), Going Alone. The Case for Relaxed Reciprocity in Freeing Trade, Cambridge, MA. 2002, S. 33-57; Kenwood, A.G. und A. L. Lougheed:  The Growth of the International Economy 1820-1980, London 1983, S. 73-104.
[8] Kindleberger, Charles: „The Rise of Free Trade in Western Europe“, in: Jeffry A. Frieden und David A. Lake (Hg.), International Political Economy:  Perspectives on Global Power and Wealth, London 2000, S. 73-89.
[9] Vgl. Gourevitch, S. 100 f..
[10] Vgl. Gourevitch, S. 99f.



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von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

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