Stormy Mildner
Im ausgehenden 18. Jahrhundert war Deutschland – gerade im Vergleich zu Großbritannien – in seiner sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung noch weit zurück. In Deutschland dominierten weiterhin die mittelalterliche Wirtschafts- und Sozialverfassung und die strenge Gliederung nach Ständen, dem Bauerntum, dem Bürgerstand und dem Adel, die sich scharf voneinander abgrenzten. Diese sozialen Stände waren wiederum in soziale Gruppen untergliedert: in Grafen, Reichsritter, Landadel, Patrizier, Zunftbürger, Meister, Gesellen, freie und halbfreie und letztlich leibeigene Bauern. Vierfünftel der Bevölkerung Deutschlands war in der Landwirtschaft beschäftigt, wobei hier feudale Abhängigkeitsverhältnisse uneingeschränkt bestanden. So waren die Bauern gegenüber den Feudalherren abgabepflichtig. Diese Abgaben waren durch ein kompliziertes, noch aus dem Mittelalter stammendes System von Geld- und Naturabgaben bestimmt. Doch nicht nur die Landwirtschaft war von restriktiven Strukturen geprägt. Auch das Handwerk unterlag strikten Regelungen. Dieses war in den Städten in Zünfte organisiert, die grundlegend den freien Wettbewerb unterbanden. Hier gab es z.B. genaue Bestimmungen sowohl über die Zahl der Gesellen, die ein Meister beschäftigen durfte, als auch über die Menge an Rohstoffen, die er verwenden durfte – beides hemmte das Wirtschaftswachstum erheblich. Ebenfalls hemmend auf die wirtschaftliche Entwicklung wirkten sich die territoriale Zersplitterung Deutschlands und das komplizierte System verschiedener Zölle aus, die den Binnenhandel erheblich behinderten. Hiervon waren zunächst insbesondere Güter des gehobenen Bedarfs, die auch über weitere Strecken gehandelt wurden, betroffen. Dahingegen fand aufgrund der eingeschränkten Bedürfnisse der Menschen und der dominierenden Nachfrage nach den notwendigsten Gebrauchsgütern die Produktion dieser Güter zunächst noch in unmittelbarer Nähe der Abnehmer statt.
Zusammenfassend können somit folgende Faktoren identifiziert werden, die eine frühe Industrialisierung in Deutschland verhinderten:
Die erste Phase der Industrialisierung reichte in Deutschland von den 1830er Jahren bis zur Reichsgründung 1871. Eine grundlegende Voraussetzung für den Beginn der Industrialisierung in Deutschland war die Einführung der Gewerbefreiheit: Hardenberg führte die Gewerbefreiheit 1810 ein; Bayern und Sachsen folgten mit beschränkten Gewerbefreiheiten im Jahr 1824 beziehungsweise 1840. 1869 verkündete der Norddeutsche Bund die volle und uneingeschränkte Gewerbefreiheit, die später auch vom Reich übernommen wurde. Zwar förderte die Einführung der Gewerbefreiheit zusammen mit der Bauernbefreiung die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland grundlegend, doch hemmten die nach wie vor unüberwundene wirtschaftliche Zersplitterung Deutschlands und ein fehlender Binnenmarkt den Wachstumsprozess erheblich. Um 1800 gab es noch etwa 1.800 Zollstellen in Deutschland, die für die Kaufleute immense Zeit- und Geldverlust bedeuteten. Schließlich war man zu der Erkenntnis gekommen, dass Zollschranken ein großes Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung darstellten.Dementsprechend schuf Preußen 1818 durch sein Zollgesetz einen einheitlichen Markt für seine 10,5 Mio. Einwohner. Hierin spiegelte sich vor allem das Interesse der Landwirtschaft an billigen Gewerbeerzeugnissen und einer freien Getreideausfuhr wider.[11] Der Außenzoll Preußens galt als einer der niedrigsten Zölle Europas.
Die anderen deutschen Staaten reagierten mit Empörung auf das individuelle Vorgehen Preußens und sahen eine gesamtdeutsche Regelung als unmöglich an. Als Reaktion auf Preußens Sonderweg bildete sich eine schutzzöllnerische Bewegung unter den Kaufleuten der süddeutschen Staaten, die allgemeine Bundeszölle forderten und sich 1819 zu einem privaten Deutschen Handelsverein zusammenschlossen, geleitet von Friedrich List. Da sie ihre Forderung jedoch nicht durchsetzen konnten, betrieb Preußen weiterhin seine Zollpolitik, die den Anschluss kleiner Nachbarstaaten an das eigene Zollgebiet forcierte. Gerade für kleine Staaten war der Anreiz groß, sich der preußischen Zollunion anzuschließen, da sich ihnen durch sie ein großer Absatzmarkt und die Möglichkeit, die Kosten der Grenzbewachung und Zollabwicklung erheblich zu reduzieren, bot. Somit schloss im Jahr 1828 Preußen mit Hessen-Darmstadt eine Zollunion ab. Im gleichen Jahr vereinigten sich Bayern und Württemberg zu einem gemeinsamen Zollgebiet.
Doch erst mit der Bildung eines gemeinsamen Marktes ohne Binnenzölle durch den Deutschen Zollverein im Jahr 1834, der die Grenzen des Deutschen Bundes hatte, nahm der Handel erheblich zu. Der Zollverein löste den Zollvertrag zwischen Preußen und Hessen-Darmstadt, dem Mitteldeutschen Handelsverein und der Süddeutsche Zollvereinigung ab. Der Deutsche Zollverein umfasste Preußen, Rheinhessen, Kurhessen, Thüringen, Sachsen, Bayern und Württemberg. 1836 traten Baden und Hessen-Nassau, 1842 Braunschweig und Luxemburg, 1850 Hannover und Oldenburg, 1867 Mecklenburg und Lübeck bei. Einige Hansestädte traten vorerst nicht dem Zollverein bei, da sie eine Störung ihrer Handelsbeziehungen befürchteten. Somit traten Hamburg und Bremen erst 1888 bei. Der Zollverein umfasste 18 Staaten mit insgesamt 23 Mio. Einwohnern. Das fundamentale Prinzip des Zollvereins war der gemeinsame Außenzoll des Gebietes und die Abschaffung von Zöllen zwischen den Staaten innerhalb des Zollgebietes. Der Zollverein vergrößerte den Binnenmarkt und erleichterte den Export. Führungsmacht im Zollverein blieb Preußen: Preußen erhielt 55% der Zolleinnahmen und bestimmte die Zollpolitik maßgeblich.
Insgesamt waren die Außenzölle des Zollvereins zunächst relativ niedrig mit Ausnahme von Zöllen auf Textilprodukte. So setzten sich insbesondere die Großgrundbesitzer, die Junker, für niedrige Zölle auf Industriegüter gerade aus Großbritannien ein, um im Gegenzug mehr Getreide nach Großbritannien exportieren zu können. Doch bereits 1837 nahm der protektionistische Druck erheblich zu, und Forderungen nach einem stärkeren Schutz der Textil- und Schwerindustrie (Eisenindustrie) wurden laut. Zölle auf Eisen wurden 1844, Zölle auf Baumwoll- und Leinengarn 1846 erhöht. Von 1846 an sanken die Zölle des Zollvereins wieder, insbesondere durch die Abschaffung der Getreidezölle in Großbritannien. Aufgrund der Anhebung der Zölle in den frühen 1840er Jahren und der niedrigen Zölle in Großbritannien waren die Zölle des deutschen Zollvereins dennoch mit die höchsten in Europa.
Seit den 1850er Jahren konnte man auch in Deutschland von einer wirklichen Industrialisierung sprechen. So wuchs die Schwerindustrie sprunghaft an; industrielle Ballungsräume entstanden (vor allem im Ruhr- und Saargebiet und Oberschlesien); das Wachstum der Eisen- und Stahlindustrie förderte die Entstehung von Zentren der Schwerindustrie. Gleichzeitig wurde der verstärkte Einsatz moderner Produktionsverfahren und die Erweiterung der Märkte durch neue Finanzierungsmethoden über Aktiengesellschaften und Wirtschaftsbanken ermöglicht.[12] Neben dem Zollverein wirkten sich insbesondere das starke Bevölkerungswachstum und die niedrigen Löhne wachstumsfördernd aus. Beschleunigt wurde die Industrialisierung des Weiteren durch den Ausbau des Straßennetzes, der Post und den ersten Eisenbahnen. Insbesondere letzteres war Voraussetzung für den freien und schnellen Warenverkehr und für eine flächendeckende Industrialisierung. Gleichzeitig wirkte sich der Ausbau der Eisenbahn auf zahlreiche andere wirtschaftliche Gebiete aus und erhöhte insbesondere die Nachfrage nach Stahl und Kohle.
Auch in der Landwirtschaft, die zunächst der wichtigste Wirtschaftssektor in Deutschland blieb, machte sich die Industrialisierung bemerkbar. So kam es durch neue, rationellere Produktionsweisen zu einer vielfachen Steigerung des Ertrags: großflächiger Getreideanbau machte den Einsatz von Maschinen rentabel; Mineraldüngung ermöglichte eine intensivere Nutzung der Anbauflächen.
Der Industriesektor zog erst 1890 mit der Werterzeugung in der Landwirtschaft auf. Er war insbesondere durch die Textilindustrie, die Eisen- und Stahlindustrie und den Maschinenbau geprägt. Im Zentrum der Frühindustrialisierung stand folglich zunächst die Textilindustrie. Insbesondere zwischen 1850 und 1870 kam es hier zu einem erheblichen Aufschwung. Trotz dieser energischen Entwicklung blieb Deutschland allerdings weiterhin von Rohstoffimporten abhängig; die Textilindustrie war nach wie vor auf englische Maschinen, englische Werkmeister und englisch-französisches Kapital gestützt. Auch gestaltete sich die Entwicklung der Textilindustrie recht unterschiedlich. Die Leinenherstellung, die das am weitesten verbreitete Textilgewerbe gewesen war, verlor rasch an Einfluss, da sie ganz auf der Heimspinnerei und der Heimweberei beruht hatte und somit die Umstellung hier besonders schwierig war. Auch schotteten sich bedeutende Absatzmärkte wie Polen und Rußland durch hohe Zölle ab, während andere Länder wie Irland oder Böhmen zu weitaus niedrigeren Preisen liefern konnten. Somit fehlten die Absatzmärkte für deutsches Leinen. Die Kerngebiete der Leinenherstellung blieben zwar bestehen (Schlesien, Lausitz etc.), doch verschwand die Leinenweberei, wo sie nur ein Nebengewerbe darstellte. Wie in der Leinenherstellung war auch die Umstellung im Wollgewebe sehr langsam, insbesondere aufgrund der einflussreichen Zünfte und dem Schutz der Regierungen. Dahingegen gewann die Baumwollherstellung erheblich an Einfluss, da sich die Umstellung hier sehr viel einfacher gestaltete: So waren Baumwollspinnereien bereits im 18. Jahrhundert als Fabrikgewerbe entstanden. Gleichzeitig war jedoch insbesondere die Baumwollherstellung der englischen Konkurrenz ausgesetzt. Auch blieb sie abhängig von den Einfuhren von Garn.[13]
Das zweite Standbein der Industrialisierung in Deutschland waren der Bergbau und die weitreichenden Bodenschätze. So besaß Deutschland die ertragreichsten Kohlevorkommen Europas. Insbesondere durch den Eisenbahnbau kam es zu einer steigenden Nachfrage nach Kohle und Stahl. Dies führte zu einer zunehmenden Konzentration der Förderung und Produktion im Bergbau- und Metallgewerbe. Zentrum der Industrialisierung war Preußen: In Preußisch-Oberschlesien wurde 1788 die erste Dampfmaschine eingesetzt, 1796 der erste Hochofen mit Koks gefeuert und 1802 das Puddelverfahren eingeführt. 1865 betrug die Kohlenproduktion in Deutschland z.B. 25 Mio. Tonnen, womit Deutschland international auf Platz zwei nach Großbritannien, aber vor den USA und Frankreich lag.[14]
Ähnlich gestaltete sich die Entwicklung in der Eisenproduktion: diese war zunächst fast ausschließlich auf Preußen beschränkt. Mit dem Übergang zur Koksfeuerung stieg auch hier die Produktion rapide an; 1870 gab es kaum noch Hochöfen mit Holzkohle. 1860 erreichte die deutsche Eisenproduktion die Belgiens, 1870 zog sie mit der französischen und 1903 mit der englischen Eisenproduktion gleich. Einher gehend mit der zunehmenden Produktion kam es auch hier zu einer Konzentration: Kleinere Betriebe, die sich die Förderung aus Tiefen über 50 Metern und die Vergrößerung von Hochöfen nicht leisten konnten, wichen Großbetrieben. Ferner kam es zu einer Standortverschiebung der Produktion in die Nähe der Kohlevorkommen, insbesondere im Ruhrgebiet. Doch auch innerhalb der alten Industriegebiete wie in Oberschlesien kann es sowohl zu einer Standortverschiebung – weg von den Wäldern, hin zu den Städten – als auch einer Konzentration.
Die Entstehung von Fabriken und neuen Industrien erfolgte schwerpunktmäßig in Gebieten traditioneller Industrien und bei Kohle- und Erzlagerstätten. Die industriellen Zentren waren die Preußische Rheinprovinz (Westfalen), Brandenburg mit Berlin, Sachsen, Oberschlesien, Augsburg und Nürnberg. Einhergehend mit der Bildung dieser eng begrenzten Industriegebiete kam es zu Wanderungen von Arbeitermassen vom Land zu den Städten, wobei sowohl ein wachsendes Industrieproletariat als auch ein bewußtes Industriebürgertum entstand. Wie auch in Großbritannien war das Elend in den Ballungsräumen unbeschreiblich, und auch eine günstige Konjunktur verbesserte die Lage des Industrieproletariates nicht. Vorherrschende Probleme waren schlechte Verhältnisse am Arbeitsplatz, fehlende Sicherheit, lange Arbeitszeiten, Kinderarbeit, Löhne am Existenzminimum und menschenunwürdige Wohnverhältnisse. Diese Situation führt zur Gründung von Arbeiterbewegungen, sozialen Vereinen und Selbsthilfegruppen.
In der Handelspolitik verfolgte Deutschland in den 1860er Jahren eine kurze Periode reziproker Zollabkommen. So schloss der Deutsche Zollverein z.B. 1862 ein reziprokes Zollabkommen mit Frankreich ab. Diese Handelsabkommen wurden allerdings nicht vorrangig zur Erfüllung wirtschaftlicher Ziele gesehen. Für Bismarck waren sie vielmehr ein Instrument, um internationale Bündnisse zu schaffen. Demnach hatte es für das Zollabkommen von 1862 besonders zwei Ziele gegeben: 1. die Sicherung der Freundschaft mit Frankreich und 2. ein Machtgewinn auf den internationalen Märkten gegenüber Österreich, das relativ hohe Zölle hatte. So nahm durch die Senkung der Außenzölle des Zollvereins die Wahrscheinlichkeit eines Beitritts Österreichs erheblich ab, so dass Preußens Vormachtstellung unangetastet blieb.
Insbesondere nach der Gründung des Deutschen Reichs (1871) und einem Boom der Gründerjahre konnte der Entwicklungsrückstand gegenüber Großbritannien merklich verringert werden: Die industrielle Produktion versechsfachte sich bis zum Ersten Weltkrieg, die Ausfuhren vervierfachten sich. Gleichzeitig kam es allerdings zunächst zu einer Überhitzung der Konjunktur, zu unkontrolliertem Wachstum, zur industriellen Überproduktion, zu Spekulationen und letztlich zum Börsenkrach von 1873, der zu gewaltigen Kurseinstürzen an den Aktienmärkten und erstmalig zu einer Wirtschaftskrise führte. Konkurse standen an der Tagesordnung. Als Antwort auf die Krise und zur Sicherung gegen Konjunkturschwankungen kam es zur Gründung von marktbeherrschenden Konzernen und Trusts.
1895 begann für die deutsche Industrie eine erneute Phase der Hochkonjunktur mit neuen technischen Entwicklungen. Es kam zunehmend zu eigenständigen Entwicklungen im Elektro-, Chemie- und Motorenbereich. Vor allem in den ersten beiden Sektoren konnte sich Deutschland durch Erfindungen und modernere Produktionstechniken einen Vorsprung sichern. Großbritannien wurde zum wichtigsten Absatzmarkt für die deutsche Industrie. Vor allem bei der Entwicklung neuer, zukunftsträchtiger Technologien auf dem Gebiet der Elektrotechnik und der Chemischen Industrie belegte Deutschland einen führenden Platz. Der Entwicklung erster Dynamos zur Stromgewinnung folgten bald elektrische Fernleitungen und der Bau von Kraftwerken. Letztere versorgten ab den 1880er Jahren erst kleinere Firmen, dann Stadtteile und ab etwa 1890 ganze Städte mit Strom.
Die Merkmale der Hochindustrialisierung in Deutschland waren:
Hinsichtlich der Handelspolitik traten die neu entstandenen, großen industriellen und agrarischen Interessenverbände seit Anfang der 1870er Jahre für eine Abkehr vom Freihandel und für ein Schutzzollsystem ein. Billige Importe sollten verhindert werden, um die überhöhten Preise im Inland zu schützen, die wiederum den Export deutscher Produkte zu besonders niedrigen Preisen ermöglichen sollten. Insbesondere die Agrarkrise der 1870er Jahre führte zu einer Abkehr vom Freihandel unter den ostdeutschen Großgrundbesitzern. Doch auch die Industrie forderte verstärkt Schutzzölle. Ihre protektionistischen Interessen wurden vom 1876 gegründeten Centralverband deutscher Industrieller, die Interessen der Großgrundbesitzer von der Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer vertreten. Die im gleichen Jahr gegründete Deutsch-Konservative Partei übernahm diese wirtschaftspolitischen Forderungen. Auch Bismarck setzte sich für einen Kurswechsel in der Zollpolitik ein. 1879 kam es schließlich zu seiner Zolltarifreform, die eine deutliche Zäsur in der Handelspolitik mit weitreichenden Folgen darstellte. Hierunter wurden moderate Schutzzölle auf Getreide und Eisen eingeführt. Moderat waren diese Zölle sowohl im europäischen Vergleich als auch insbesondere im Vergleich zu den Zöllen der Zwischenkriegszeit. Dennoch können sie als handelspolitische Wende bezeichnet werden, die die folgenden 60 Jahre Handelspolitik in Deutschland prägten. Gleichsam setzte das Zollgesetz von 1879 der Hochblüte des europäischen Freihandels und dem liberalen handelspolitischen Geist der 1860er Jahre ein Ende. 1887 kam es erneut zur Einführung beträchtlicher Schutzzölle: sie waren zehn Mal so hoch wie die von 1879.[15] Um die handelspolitische Wende in Deutschland zu erklären, kann man wiederum auf die Erklärungsansätzevon Gourevitch zurückgreifen:
Bis 1892 dominierte das Prinzip der autonomen Zollpolitik des Deutschen Reiches, womit u.a. die deutsche Landwirtschaft unterstützt und ihre fehlende Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten zeitweise verdeckt wurde. Dabei prägten zwei Debatten die Zollpolitik Deutschlands. Erstens ist hier die Debatte zwischen der „Freihandelspartei“ und der „Schutzzollpartei“ zu nennen, deren Argumente auf allen Ebenen, der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft, aufeinander prallten. Vertreter der Protektionisten war u.a. Gustav Schmoller (1838-1917). Der Freihandelsgedanke wurde insbesondere vom Leipziger Handelskammersekretär Gensel propagiert. Allerdings gerieten die Freihändler immer mehr in die Minderheit.[17]
Im Zentrum der zweiten Debatte, die die Zollpolitik beeinflusste, stand die Frage, ob Deutschland ein Agrar- oder Industriestaat sei: War es ein Industrieland mit ausgeprägter industrieller Basis oder ein Industrieland mit ausgeprägter Landwirtschaft? Und wo lagen die Entwicklungschancen für Deutschland?[18] Diese Debatte fand einen ersten Höhepunkt 1896 mit der Veröffentlichung statistischer Erhebungen. Demnach waren 37,5% der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, 36,3% in der Industrie und 25,3% im Dienstleistungssektor. Um 1900 arbeiteten etwa gleich viele Menschen in der Landwirtschaft wie in der Industrie. Auch war um die Jahrhundertwende die Wertschöpfung in der Industrie und im Handwerk bereits sehr viel höher als in der Landwirtschaft. Neben Großbritannien und den USA war Deutschland zur mächtigsten Industrienation der Welt geworden. Die 25 Mio. Erwerbstätigen erwirtschafteten ein pro-Kopf BSP von 639 US Dollar (in Preisen von 1960). Nur das pro-Kopf BSP Belgiens, der Schweiz und Englands lagen mit 721 US Dollar, 785 US Dollar beziehungsweise 881 US Dollar über dem Deutschlands, während das pro-Kopf BSP der US 30% unterhalb von dem Deutschlands lag. Das Wachstum des realen BIP pro Kopf lag in Deutschland zwischen 1870 und 1913 bei 2,8%, in Großbritannien bei 1,9% und in Frankreich bei 1,5%. In den USA war dieses allerdings erheblich höher mit 3,9%.[19] Von 1880 bis 1913 wurde Deutschland zum zweitgrößten Exporteur von Fertigwaren. Gleichzeitig herrschte in großen Teilen des Deutschen Reiches jedoch weiterhin die agrarische Produktions- und Lebensweise vor. Gerade im Vergleich mit Großbritannien konnte man im Fall des Deutschen Reiches folglich nicht von einer Industriegesellschaft sprechen, auch wenn die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zunehmend von der Industrie bestimmt wurde.
Die Agrarstaat-Industriestaat-Debatte spiegelt somit tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen wider. Vertreter der Agrarstaatstheorie argumentierten, dass die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung des späten 19. Jahrhunderts, bei der die entwickelten Länder Europas ihre Fertigprodukte gegen Nahrungsmittel und Rohstoffe der Länder der Peripherie tauschten, nur eine Übergangsperiode sei, die zu Ende gehen werde, sobald sich die rückständigen Länder ebenfalls industrialisieren würden. Dies würde dazu führen, dass sie weniger Fertigprodukte aus Ländern wie Deutschland oder Großbritannien importieren würden, während sie gleichzeitig weniger Agrarprodukte exportieren würden, so dass die Preise für letztere wieder steigen würden. Deutschland, das auf billige Landwirtschaftsimporte und den Export seiner Fertigwaren angewiesen war, würde somit eine Internationalisierungsfalle drohen, wobei es gerade im Agrarbereich von den neuindustrialisierten Ländern abhängig werde. Dementsprechend wurden ein Agrarprotektionismus und eine Unterstützung der Landwirtschaft gefordert. Des Weiteren wurde der Schutz der heimischen Landwirtschaft propagiert, da man die Landwirtschaft als Grundvoraussetzung für das Wohl und die dauernde wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Sicherung der Nation ansah. Nur durch eine stabile Agrarbasis könne der soziale und politische Frieden gesichert werden.[20] Dahingegen setzten sich die Vertreter der Industriestaat-These für eine Modernisierung der deutschen Industrie ein, da sie in Hinblick auf die historischen Entwicklungstrends nur in dieser das Wachstumspotential Deutschlands sahen. Sie wiesen auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hin und die Förderung des allgemeinen Wohlstands durch die exportorientierte Industrialisierung. Somit setzten sie sich für die Industrialisierung, die Liberalisierung des Handels und die fortschreitende internationale Verflechtung ein. Wie die Geschichte gezeigt hatte, sollten die Vertreter der Industriestaat-These Recht behalten. Die Probleme der deutschen Landwirtschaft wurden auch durch den Protektionismus nicht gelöst.
Im Jahr 1901 kam es zu einem neuen Höhepunkt in der kontroversen Debatte zur Handelspolitik und dem Diskurs über Agrar- oder Industriestaat. Dabei wurde Handelspolitik immer mehr in Verbindung mit Außenpolitik gesehen. Die Freihändler argumentierten, dass vom Freihandel sowohl die zukünftige Stellung Deutschlands in der Welt als auch das politische Gleichgewicht zwischen den Völkern Europas und den USA abhänge. Befürworter der Schutzzölle wie der Nationalökonom Hermann Schumacher argumentierten hingegen, dass der Staat verpflichtet sei, seine Nation zu schützen. Die Handelspolitik sei Teil der auswärtigen Politik, dessen Hauptaufgabe es sei, im wirtschaftlichen Wettstreit der Völker zu vermitteln und Frieden zu wahren, damit sich die heimische Wirtschaft voll entfalten könne – auch über die nationalen Grenzen hinaus. Aber wie in der Außenpolitik Frieden nicht unter allen Umständen angestrebt werden sollte, sollten auch Handelsverträge nicht unter allen Umständen abgeschlossen werden. Handelspolitik – Liberalisierung oder Protektionismus – wurde somit Teil der Strategie der Großmachtpolitik. Auch wurde Handelspolitik als Instrument der Kriegführung diskutiert.[21] Am 2. Dezember 1901 legte schließlich Reichskanzler Graf von Bülow dem Reichstag den Entwurf für ein neues Zollgesetz vor, durch das die Agrarzölle angehoben werden sollten. Das Zollgesetz wurde ein Jahr später verabschiedet
[11] Vgl. Hans Haussherr: „Der
Zollverein und die Industrialisierung“, in: Karl
Erich Born (Hg.), Moderne deutsche
Wirtschaftsgeschichte, Köln/Berlin 1966, S.
55-66.
[12] Deutscher Bundestag: Fragen an die
Deutsche Geschichte. Ideen, Kräfte Entscheidungen.
Von 1800 bis zur Gegenwart, Bonn 1981, S. 180.
[13] Vgl. Ebd. S. 58.
[14] Vgl. Haussherr, S. 60 f.
[15] Vgl. Dietmar Petzina,
„Isolation, und Öffnung. Zwischen National-
und Weltwirtschaft“, in: Reinhard Spree (Hg.),
Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20.
Jahrhundert, München 2001, S. 70-89.
[16] Vgl. Gourevitch, S.
[17] Vgl. Petzina, S. 94.
[18] Vgl. Gerold Ambrosius,
„Agrarstaat oder Industriestaat –
Industriegesellschaft oder Dienstleistungsgesellschaft?
Zum sektoralen Strukturwandel im 10. Jahrhundert“,
in: Reinhard Spree (Hg.), Geschichte der deutschen
Wirtschaft im 20. Jahrhundert, München 2001S,
50-69.
[19] Vgl. Rainer Metz, „Expansion und
Kontraktion. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft im
20. Jahrhundert, in: Reinhard Spree (Hg.), Geschichte
der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert,
München 2001S, 70-89.
[20] Vgl. Ambrosius, S. 53.
[21] Vgl. Petzina, S. 95.

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