Home > Sachgebiete > Weltwirtschaft und Globalisierung > Institutionen und Akteure > IWF und Weltbank > Grundlagen > Fortsetzung: Der International...

Fortsetzung: Der Internationale Währungsfonds und die Entwicklung der internationalen Finanzbeziehungen von 1945-2000

Friederike Hesse und Stormy Mildner

Der IWF in einem sich wandelnden Umfeld

Die Entwicklungen der siebziger Jahre

Die siebziger Jahre waren weltweit von niedrigen Wachstumsraten und hoher Inflation geprägt. Unterschiedliche Erklärungsansätze wurden für die Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums gesucht: es konnte sich um eine normale Rezession innerhalb eines langen Konjunkturzyklus handeln, um eine unvermeidliche Verlangsamung nach den Rekordwachstumsraten der Nachkriegsjahre oder um eine grundlegende strukturelle Veränderung in Antwort auf den ersten Ölpreisschock 1973/74. Die OECD-Staaten entschieden sich Mitte der siebziger Jahre, eine Studie bei internationalen Experten in Auftrag zu geben, die 1977 im McCracken Report mündete. Der Report empfahl expansive Wirtschaftspolitiken der führenden Industrienationen, die nach keynesianischem Muster eine Ankurbelung des Privatsektors bewirken sollten. Insbesondere wurden Japan und Deutschland, zwei Staaten mit niedriger Inflation und starker außenwirtschaftlicher Position, im Dienste des gemeinsamen Interesses dazu aufgefordert, zu einer expansiven Fiskalpolitik zu wechseln. Dieser sogenannte locomotive approach wurde 1978 in Bonn im Rahmen eines G-7 Gipfels durchgesetzt und auch vom IWF unterstützt. Er führte vor allem zu einem Anstieg der Inflation, was der Reputation konzertierter internationaler Wirtschaftspolitik für viele Jahre Schaden zufügte (Boughton 2000: 4ff.).

In den siebziger Jahren argumentierten viele Fachleute, dass Inflation nicht grundsätzlich ein monetäres Phänomen sei, sondern strukturelle Ursachen haben könne (Boughton 2000: 5). In den Industrienationen beobachtete man, dass zum Beispiel der Ölpreisschock und eine starke Abwertung des Dollars strukturelle Ursachen für die Inflation waren, und dass die Preissteigerung trotz einer schwachen Nachfrage auf den Binnenmärkten bestehen blieb.

Die Überzeugung, dass die Inflation strukturelle Ursachen hatte, die nur wenig durch die betroffenen Staaten selbst beseitigt werden konnten, passte ins Bild der Dependenztheorie, die während der siebziger Jahre die Weltsicht der Entwicklungsländer prägte (vgl. auch http://www.weltpolitik.net/sachgebiete/wirtschaft/article/56.html). Die zugrundeliegende Idee ist, dass das Weltwirtschaftssystem in Zentrum und Peripherie unterteilt ist (Naim 1999: 7): Die reichen Länder im Zentrum konservieren ihren Reichtum durch die Ausbeutung der sich in der Peripherie befindenden Länder. Eine sehr extreme Variante der Dependenztheorie folgert, dass die heutige Dritte Welt vollständig fremdbestimmt ist und aus ihrer Misere nur durch eine Neuordnung des internationalen Systems gerettet werden kann. Eine weniger radikale Variante sieht einen gewissen Spielraum für nationale Wirtschaftspolitiken und empfiehlt die sogenannte Importsubstitutionsindustrialisierung. Angestrebt wird eine eigene industrielle Infrastruktur, die für den Binnenmarkt das produziert, was vorher importiert werden musste. Hierdurch soll die Abhängigkeit von den reichen Staaten verringert werden. Konkrete politische Maßnahmen vieler Entwicklungsländer in den siebziger Jahren waren hohe Importbarrieren, Zulassungsbeschränkungen für ausländische Firmen und die Subventionierung bestimmter Industrien als nationale Champions. Regierungen gründeten staatseigene Firmen und kontrollierten den Markt über Preise, Zinsen, Kreditallokation und Wechselkurse. Der resultierende Abbau internationaler Handelsbeziehungen zwischen der Ersten und der Dritten Welt und die Abhängigkeit von einem großen und teuren öffentlichen Sektor fanden erst Anfang der achtziger Jahre mit Einsetzen der Schuldenkrise ein Ende.

1969 wurde mit dem "first amendment" der "Articles of Agreement" des IWF die Vermeidung von Inflation in den Zielkatalog des IWF aufgenommen. Fünf Phasen des Verhaltens des Fonds gegenüber dem Thema Preisstabilität lassen sich unterscheiden(Polak 1991: 32f.): In seiner Anfangszeit war der IWF gegen jede Politik des gradualism (also ein langsames Zurückfahren der Inflation). Nur Länder mit radikalem (cold turkey) Politikansatz wurden unterstützt. Erfahrungen in Lateinamerika machten dem IWF im Verlauf der 60er Jahre aber klar, wie schwer es vielen Staaten fiel, wirksam gegen Inflation vorzugehen. Die ursprüngliche dogmatische Position wurde deshalb aufgegeben und zur Gewährleistung von Zahlungsbilanzgleichgewichten wurden Anpassungen der Wechselkurse empfohlen. Zu Beginn der achtziger Jahre führten hohe Inflationsraten in einigen Ländern allerdings dazu, dass sie die Leistungskriterien in bezug auf ihr Budgetdefizit nicht mehr erfüllen konnten (dieses wurde durch Inflation höher ausgewiesen). Die Inflationsrate wurde so zu einem impliziten Leistungskriterium des Fonds. Die Organisation reagierte, indem sie in einigen Hochinflationsländern die Berechnung des zu verwendenden Budgetdefizits neu definierte. Hohe Inflation versperrt so nicht den Zugang dieser Länder zu IWF Krediten. Schließlich hat zu Beginn der neunziger Jahre der Fonds damit begonnen, bei positiver Entwicklung der Preisstabilität andere Konditionen zu lockern und damit das Ziel Inflationsbekämpfung zu verfolgen.

Wirtschaftspolitik der USA in den siebziger und achtziger Jahren

Die Siebziger Jahre

Anfang der 70er Jahre kam es zu einem Nachlassen des Produktivitätsvorsprunges der USA und ihrer Hegemonialstellung im Güterhandel. So erhielt die Produktivitätsentwicklung nur unzureichende Impulse aus neuen, entwickelten Technologien. Auch das Wirtschaftswachstum war im Vergleich zu dem in Japan und Deutschland relativ niedrig. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosenrate, die 1969 noch 3,4% betragen hatte, auf 6% im Jahr 1972 an. Die Inflation blieb auf einem für die Nachkriegsjahre der USA ungewöhnlich hohen Niveau. 1973 betrug die Inflationsrate durchschnittlich 6,2%. Ursache war die expansive Geldpolitik, die durch den Glauben an die Phillipskurve bestimmte wurde. Die Phillipskurve besagt, dass eine sinkende Arbeitslosigkeit zu einer steigenden Inflation führt. So werden bei sinkender Arbeitslosigkeit Arbeitskräfte knapper und folglich teurer - der Preis der Arbeit, also die Löhne, steigen. Dieser Preisanstieg muss von den Unternehmen wieder ausgeglichen werden, um Verluste zu verhindern. Sie werden daher die Preise ihrer Produkte anheben. Steigende Preise führen zu einem Anstieg der Inflation.

In den 1970er Jahren glaubte man, sich diesen Zusammenhang zunutze machen zu können. Man nahm an, dass durch steigende Inflation die Arbeitslosenrate gesenkt werden könnte: durch Inflation sinken die Löhne real und die Arbeitskraft wird billiger. Folglich können mehr Arbeitskräfte eingestellt werden. Empirisch bestätigte sich die Phillipskurve jedoch nicht. Eine Steigerung der Inflation ist meist nicht unerwartet, so dass Gewerkschaften vorher eine reale Lohnerhöhung aushandeln können. Um sicherzugehen, dass die Inflation nicht höher als die realen Lohnerhöhung ist, handeln die Gewerkschaften meist Löhne aus, die über ihrer Inflationserwartung liegen. Die Löhne steigen demnach stärker als die dann eintretende Inflation. Das heisst, dass die Reallöhne steigen. Da folglich die Kosten für die Unternehmen steigen, werden nicht mehr Arbeiter angestellt, sondern eher entlassen. Gleichzeitig wird der Lohnanstieg auf die Preise der produzierten Güter umgelegt, so dass das Preisniveau und demnach die Inflation steigen. Die Arbeitslosigkeit steigt also, während die Inflation steigt.(Barro 1996: 635).

Die Inflation wurde durch die Ölkrise von 1973 verstärkt. Im Jahr 1974 stiegen die Konsumentenpreise mit einer Jahresrate von 11%, der Produzentenpreisindex erhöhte sich um 15,4%. Durch die zweite Ölkrise Ende der 70er Jahre verdreifachte sich der Ölpreis ein weiteres Mal, worauf die Inflation erneut sprunghaft anstieg (Campagna 1994: 12).

Gleichzeitig stagnierte das Wirtschaftswachstum in den USA. Die steigende Inflation zusammen mit der stagnierenden Wirtschaft wird als Stagflation bezeichnet.

Die achtziger Jahre

1980 gingen das Bruttoinlandsprodukt, Arbeitsproduktivität, und Investitionen der USA gegenüber dem Vorjahr stark zurück. Die Inflationsrate lag aufgrund des zweiten Ölschocks auf einem Rekordhoch von 13,5%. Die hohe Arbeitslosigkeit von 7,1% und das hohe Haushaltsdefizit kennzeichneten die wirtschaftliche Krise. Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik sah die Hauptursache für die Wirtschaftskrise in einer zu hohen Steuerbelastung für die privaten Haushalte und Unternehmen. Ihrer Meinung nach verhinderten zu hohe Steuern Investitionen und bedingten somit die hohe Arbeitslosigkeit. Weiter verdränge die staatliche Nachfragepolitik private Investitionen, erhöhe die Arbeitslosigkeit und Inflation und hemme das Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum.

Mit dem Amtsantritt Ronald Reagans als 40. Präsidenten der USA im Januar 1981 löste die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik endgültig die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik der Nachkriegsjahre, die sich durch Staatsintervention und Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auszeichnete, ab. Einen Monat später, am 18. Februar, stellte Reagan sein Wirtschaftsprogramm "America's New Beginning; A Program for Economic Recovery" vor. Hauptkriterien waren der Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsprozess und die steuerliche Entlastung der Wirtschaftsakteure durch Senkung der Einkommens- und Unternehmenssteuern. Ziele waren weiter die Bekämpfung der Inflation durch eine stabile Geldpolitik, Schaffung guter Investitionsbedingungen, Steigerung der Realeinkommen durch einen Anstieg der Investitionen und eine Verbesserung der Produktivität und Vollbeschäftigung durch eine angebotsorientierte Politik der Förderung der Arbeits-, Investitions- und Produktionsanreize.

Theoretische Begründung für die Förderung der Angebotsseite war das Saysche Theorem, das auf den Wirtschaftstheoretiker Jean Baptiste Say zurück geht. Say schrieb 1803, dass dem gesamtwirtschaftlichen Angebot immer eine entsprechend große Nachfrage gegenübersteht. Das heißt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft.

Die Bekämpfung der Inflation war nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen sehr wichtig. In einer Meinungsumfrage von 1980 wurde Inflation als größte Sorge der amerikanischen Bevölkerung identifiziert. In den 70er Jahren lag das geldpolitische Ziel der amerikanischen Zentralbank darauf, die Zinsen niedrig zu halten, um Investitionen der Unternehmen zu fördern. 1979 entschloss sich das Federal Reserve Board unter Paul Volcker, sein geldpolitisches Konzept auf die Bekämpfung der Inflation auszurichten. Durch eine sofortige restriktive Geldpolitik und scharfe Kontrollen der Geldmengenexpansion sollte ein weiterer Preisanstieg verhindert werden. Die schnelle Umsetzung der restriktiven Geldpolitik wird oftmals auch als Volckershock bezeichnet.

Durch die Reduzierung des Haushaltsdefizits sollte das zweite Ziel der Reagan Administration erreicht werden, die Verbesserung der Investitionsbedingungen. Durch die Reduzierung des Defizits sollte die staatliche Nachfrage nach Krediten reduziert und somit die Zinsen gesenkt werden. Durch niedrigere Zinsen werden kreditfinanzierte Investitionen billiger und Investitionen werden steigen.

Das Haushaltsdefizit sollte durch eine Senkungen der staatlichen Ausgaben reduziert werden. So sollte die Staatsquote von 23% im Jahr 1981 auf 19% im Jahr 1986 gesenkt werden. Ab 1984 rechnete man mit einem ausgeglichenem Budget und steigenden Überschüssen für die folgenden Jahre. Um dieses zu erreichen, sollten Sozialausgaben gekürzt werden- ausschließlich die "truly needy", die "deserving poor", sollen gefördert werden-, die Bundeszuschüsse an die Einzelstaaten unter dem Stichwort "New Federalism" gekürzt und Steuern gesenkt werden. Man nahm an, dass durch eine Senkung der Steuern das Steueraufkommen dem Konzept der Lafferkurve folgend, steigen würde. Die Lafferkurve beruht auf der Annahme, dass Steuersatzerhöhungen jenseits eines bestimmten Satzes, vor allem im Bereich der Spitzensteuersätze, das Steueraufkommen nicht mehr erhöhen, sondern senken. So nimmt ab einer bestimmten Steuerbelastung der Anreiz mehr zu arbeiten ab, die Schattenwirtschaft wird gefördert und die Steuerbasis verkleinert sich. Man nahm an, dass durch eine Reduktion der Steuern, der Anreiz, eine zusätzliche Einheit mehr zu arbeiten, erhöht wird, so dass auch die Steuereinnahmen steigen. Gleichzeitig sollte durch die Steuersenkung die Wirtschaft entlastet und Investitionen gefördert werden. Man nahm an, dass sich die USA bereits auf der absteigenden Seite der Lafferkurve befänden und eine weitere Erhöhung der Steuern das Steueraufkommen nicht mehr steigern würde. Daher sollte ein Erhöhung des Steueraufkommens durch eine Steuersenkung erreicht werden.

Der erwartete Effekt der Lafferkurve trat jedoch nicht ein. So konnte man nicht mit Sicherheit bestimmen, wo auf der Kurve sich die USA wirklich befand. Auch kann eine Steuersenkung dazu führen, dass die Wirtschaftssubjekte aufgrund ihres gestiegenen Einkommens weniger arbeiten. Letztlich trat auch der erwartete Effekt des "Bracket Creeps" nicht ein. Man hatte erwartet, dass die nominalen Einkommen wie in den 70er Jahren durch die hohe Inflation so stark steigen würden, dass die Mehrheit der Amerikaner in höhere Steuerklassen aufrücken würde. Aufgrund der Progressivität des US-amerikanischen Steuersystems würden dadurch die durchschnittlichen Steuersätze steigen und sich das Steueraufkommen für den Staat erhöhen. Da die Inflation jedoch unerwartet schnell gesenkt wurde, stellte sich der "Bracket Creep" nicht ein.

Die Einnahmen der Regierung sanken folglich. Gleichzeitig wurden jedoch die Ausgaben wie zum Beispiel im Verteidigungs- und Rüstungssektor erhöht. Auch konnten die Sozialprogramme durch den starken Widerstand des Kongresses nicht in dem Maße gekürzt werden, wie geplant war. So wurde die Regierungsausgaben nicht wie geplant gekürzt, sondern stiegen im Zeitraum von 1980 bis 1989 von 590.9 Milliarden Dollar auf 1144.1 Milliarden Dollar an. Im Zeitraum von 1982 bis 1992 war das Haushaltsdefizit durchschnittlich mehr als doppelt so hoch wie im Zeitraum 1970 bis 1981. Neben der Ausgabensteigerung, dem Ausbleiben der Effekte der Lafferkurve und des Bracket Creeps trugen die erhöhten Zinsen zu einer Erhöhung des Haushaltsdefizits bei (Campagna 1994: 64).

Da die Einnahmen der Regierung immer mehr sanken und die Ausgaben stiegen, musste der Staat immer mehr Kredite nachfragen. Durch die erhöhte Nachfrage nach Kapital stiegen jedoch die Zinsen. Durch die steigenden Zinsen wurden wiederum Investitionen für private Unternehmen zu teuer. Somit wurde die Rate der kreditfinanzierten Investitionen stark reduziert. Private Investitionen wurden demnach durch staatliche Investitionen verdrängt.

Trotz der steigenden Zinsen ging die Sparquote in den USA in den 80er Jahren zurück. Die Ursache für diesen Rückgang in der Sparquote ist noch nicht vollständig geklärt. Teilverantwortlich sind die stagnierenden und für männliche Arbeiter rückläufigen Reallöhne seit Mitte der 70er Jahre, welches wiederum seine Ursache in der stagnierenden Produktivitätsentwicklung der US-Wirtschaft findet. Eine weitere Ursache kann im Einstieg eines großen Teiles der Bevölkerung - der Babyboomer der Nachkriegszeit - in den Arbeitsmarkt liegen. Dieser Teil der Bevölkerung entspart eher als dass er spart.

Insgesamt kann man zusammenfassen, dass die Zinsen aufgrund der restriktiven Geldpolitik und der erhöhten staatlichen Nachfrage nach Krediten durch das steigende Haushaltsdefizit gestiegen sind. Durch den erhöhten Zins, der über dem Weltmarktzins lag, war es für ausländische Investoren sehr gewinnbringend, Geld in den USA anzulegen. Es kam zum Kapitalimport durch die USA. Durch ausländische Investitionen stieg die Nachfrage nach Dollar, wodurch wiederum der Wert des Dollars stieg. In der DM/Dollar Relation mussten 1980 im Jahresdurchschnitt noch 1,82 DM für einen Dollar bezahlt werden. 1985 lag der Preis pro Dollar bei 2,94 DM. Gleichzeitig ging die Sparquote in den USA immer mehr zurück, so dass immer weniger Kapital für Investitionen zur Verfügung stand. Es musste demnach Kapital aus dem Ausland "angelockt" werden und somit der Zins weiter angehoben werden. Durch den hohen Kapitalimport wurde aus der Nettogläubigerposition (13% des Bruttosozialproduktes 1980), in der sich die USA noch bis 1981 befanden, ab 1985 eine Schuldnerposition (-11% des Bruttosozialproduktes 1988, was 533 Mrd. US Dollar entspricht). Der internationale Zufluss von Kapital in die Vereinigten Staaten betrug von 1981 bis 1990 im Durchschnitt 1,9% des Bruttosozialproduktes (Nagel 1996: 111).

Durch den steigenden Wert des Dollars wurden wiederum Importe für die USA sehr billig, während US-amerikanische Güter immer teurer wurden. Es kam demnach zu einer negativen Handelsbilanz. 1980 war die Handelsbilanz der USA mit einem Defizit von 19,7 Mrd. US-Dollar noch nahezu ausgeglichen. 1983 lag das Handelsdefizit bereits bei 52,4 Mrd. Dollar und 1987 bei 152,1 Mrd. Dollar. Um dieses Handelsdefizit zu finanzieren, mußte wiederum Kapital aus dem Ausland importiert werden (Nagel 1996: 109). Das Zusammentreffen des Handelsdefizits und des Haushaltsdefizits wurde als Twindefizit bezeichnet.

Wechselkursschwankungen in den siebziger und achtziger Jahren

Mit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods setze ein freies Schwanken - Floaten - der Wechselkurse zwischen den wichtigen Volkswirtschaften der Welt ein. Im Zweiten Zusatz des Abkommens von Bretton Woods, der 1978 in Kraft trat, wurde das Floaten legalisiert. Das heiß nicht, dass alle Länder nun flexible Wechselkurse einführten. Kleine offene Volkswirtschaften, insbesondere Entwicklungsländer mit schwachem nationalen Finanzsektor, versuchten feste Wechselkurse beizubehalten. Auch die europäischen Länder, die in erheblichem Maße vom innereuropäischen Handel abhingen, versuchen ihre Währungen gegenseitig zu stabilisieren.

In den frühen siebziger Jahren waren die Fehlbewertungen der Währungen noch relativ gering: das Pfund war 1976 leicht unterbewertet, während der Dollar 1978 leicht überbewertet war; von 1977 bis 1979 ist es zu einer übertriebenen Wertsteigerung des Yen gekommen. Diese Fehleinschätzungen waren jedoch relativ gering - insbesondere im Vergleich zu den 1980er Jahren. Dies liegt sicherlich zum einen daran, dass die Regierungen häufig auf den Devisenmärkten intervenierten. Zum anderen lag es an der Bereitschaft der USA, die Geld- und Fiskalpolitik anzupassen und dabei den Wechselkurs zu berücksichtigen.

In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren wurden diese Schwankungen sehr groß (Boughton 2000: 17ff.). Ein internationaler Vertrauensverlust führte zu einem ständigen Abwertungsdruck auf den US-Dollar. Auch massive Stützungsversuche unter dem Präsidenten Jimmy Carter in den Jahren 1978 bis 1980 konnten den Abwertungstrend nur temporär aufhalten. Die Diskussion der Währungskursschwankungen nahm daher eine wichtige Rolle beim Bonner G-7 Gipfeltreffen von 1978 ein. Es wurde ein Kompromiss erarbeitet, wonach die USA ein Anti-Inflationsprogramm zur Eindämmung der Löhne und Staatsausgaben durchführen sollte. Als Gegenleistung verpflichteten sich die Europäer und Japaner, eine expansivere Wirtschaftspolitik zu verfolgen (Eichengreen 2000: 193).

Die 1980er Jahre waren insbesondere durch die Gründung des Europäischen Währungssystems und die veränderte Haltung Japans und der USA geprägt. Die globalen Zahlungsbilanzungleichgewichte der siebziger Jahre hatten sich zunächst nach den Ölkrisen wieder ausgeglichen. Zwischen 1981 und 1987 entwickelten die Industrienationen untereinander allerdings erneut große Ungleichgewichte mit einem Defizit auf amerikanischer und Überschüssen vor allem auf japanischer und deutscher Seite. Als nach dem Regierungswechsel Präsident Ronald Reagan 1981 sein Wirtschaftsprogramm veröffentlichte und verkündete, man werde gegenüber dem Wechselkurs wieder einen laissez-faire Ansatz wählen, stand der Dollar wieder mehr in der Gunst der Märkte. Durch die restriktive Geldpolitik der US-amerikanischen Zentralbank unter dem Vorsitzenden Paul Volker nahm die Nachfrage nach Dollar wieder zu. Folglich stieg der Wert des Dollars zwischen 1980 und 1982 nominal um 29% und real um 28% (Eichengreen 2000: 196). Es folgten fünf Jahre einer ständigen Aufwertung. Ähnlich verhielt sich das britische Pfund: es wertete sich vor allem in den späten siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger stark auf.

Anfang der 1980er Jahre wurde die Wertsteigung des Dollars politisch kaum diskutiert. Sie wurde höchstens als Ausdruck der guten Wettbewerbsposition der USA und der guten wirtschaftlichen Lage gesehen. Die USA waren nicht bereit, durch eine expansivere Geldpolitik den Dollar für internationale Investoren weniger attraktiv zu machen und somit eine Abwertung zu bewirken. Die USA verfolgten also eine laissez-faire Politik. US-Finanzminister John Connally sagte hierzu: "Es ist unsere Währung, aber ihr Problem" (Eichengreen 2000: 183). Im Februar 1985 stieg der Dollar um weitere 20 Prozent an. Die Fachleute waren sich nicht einig, ob derlei Ungleichgewichte ein reales Problem darstellten, doch entstanden für die US-amerikanische Regierung durch die defizitäre Position gegenüber Japan politische Schwierigkeiten. Amerikanische Industrien verlangten nach Schutz vor japanischen Importen, und in den USA entstand ein politisches Klima, das nach mehr Stabilität in der Wechselkursentwicklung verlangte. Die G-7 versuchten sich in den achtziger Jahren an einer koordinierten Geldpolitik, um die Wechselkurse in bestimmten Zielzonen (target zones) zu halten. Dies konnte bis 1989 über verschiedene Abkommen bedingt erreicht werden, wurde während der politischen Turbulenzen des Endes des Kalten Krieges jedoch wieder aufgegeben. Der IWF spielte in diesen internationalen Koordinierungsversuchen keine prominente Rolle (Boughton 2000: 12f.).

Die G-5 Länder (Deutschland, Japan, Frankreich, England und die USA) erklärten im sogenannten Plaza Agreement (während eines Gipfels der G-5 Finanzminister im Plazahotel in New York, 1985), den Dollar abzuwerten, beziehungsweise die anderen Währungen aufzuwerten. Infolgedessen kam es zu kontrollierten Devisenkurstransaktionen der G-5 Länder. Am Tag der Veröffentlichung des Plaza-Abkommens fiel der Dollar um 4% gegenüber dem Yen und der DM. Der Preis für einen US-Dollar entwickelte sich von 2,94 DM im Jahr 1985 zu 1,80 DM Ende 1987. (Für ein ausführliches Hypertext-Papier zum Plaza Abkommen vergl. http://www.netspace.org/~erica/econ/first.html).

Nach dem Plaza Agreement wertete der US-Dollar also stark ab. Als sich dieser Abwärtstrend auch 1986 fortsetzte, sah sich die japanische Zentralbank veranlasst zu intervenieren, indem sie den US-Dollar stützte. Die USA waren nicht bereit, diese Stützung mitzutragen, solange der japanische Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den USA nicht reduziert würde. Schließlich gab die japanische Regierung nach.

1987 trafen sich die Finanzminister der G-7 im Louvre in Paris und brachten ihre Zufriedenheit mit der Wechselkursentwicklung in Folge des Plaza Abkommens zum Ausdruck. Im Louvre Abkommen kam man zu der gemeinsamen Überzeugung, dass die Wechselkurse nun den ökonomischen Gegebenheiten entsprechen würden und dass man in Zukunft eng kooperieren müsse, um die aktuellen Paritäten zu halten. Ein System zur Stützung der Wechselkurse wurde entworfen (für den Text des Abkommens vgl. http://www.library.utoronto.ca/g7/finance/fm870222.htm).

In der Folgezeit wurde die Bundesbank beschuldigt, sich nicht an das Louvre Abkommen zu halten, weil sie langsam aber stetig die deutschen Zinssätze erhöhte. Der resultierende internationale Streit bewirkte große Unsicherheit auf den Märkten und der US-Dollar wertete wieder ab. Im April 1987 wurde die Yen-Dollar Parität angepasst. Das amerikanische Leistungsbilanzdefizit blieb jedoch groß, und mit inflationären Tendenzen in den USA ließ der Druck auf die amerikanische Währung nicht nach. Die Federal Reserve erhöhte die kurzfristigen Zinsen zur Stützung des Wechselkurses.

Dennoch konnten die Finanzmärkte nicht beruhigt werden: zwischen August und Oktober 1987 gab der Dow Jones in mehreren großen Sprüngen um 475 Punkte nach. Am 18. Oktober deutete Finanzminister James Baker in der New York Times an, der fallende Dollar werde nicht weiter gestützt werden. Präsident Reagan versuchte die Wirtschaft und Finanzmärkte mit der Aussage "there is nothing wrong with the economy" erneut zu beruhigen, doch am schwarzen Montag des 19. Oktober 1987 fiel der Dow Jones um 508 Punkte, den größten Wertverlust eines Tag der Geschichte der Wall Street. Die Krise übertrug sich auf alle wichtigen internationalen Aktienmärkte. Alan Greenspan versprach Liquidität und erlaubte eine Abwertung des Dollars jenseits der Bandbreiten des Louvre-Abkommens. Das Funktionieren der Federal Reserve als lender of last resort half, die Krise abzufangen. Durch die Stützung des Bankensystems mit ausreichender Liquidität konnte das Marktvertrauen wieder hergestellt werden (für einen Überblick über den Crash von 1987 vgl. http://www.pbs.org/newshour/bb/economy/july-dec97/crash_10-17a.html).

Die Fluktuationen der Wechselkurse veranlassten internationale Anleger zu einer Diversifizierung ihrer Portfolios. Der US-Dollar behielt seine Funktion als die dominierende Reservewährung. Mit großem Abstand entwickelte sich die Deutsche Mark zur zweitwichtigsten Reservewährung gefolgt von European Currency Units (ECUs) und dem japanischen Yen.

Die volkswirtschaftliche Theorie hatte Mühe, die starken Schwankungen in den Wechselkursen zu erklären, und die Fachleute fingen an zu bezweifeln, dass es überhaupt so etwas wie ein Marktgleichgewicht für Wechselkurse gebe. Dem IWF fiel es aufgrund dieses mangelnden theoretischen Konsenses schwer, seiner Überwachungsfunktion nachzukommen. Nur schwer konnte er in den bilateralen Konsultationen über die Richtigkeit einer nationalen Wechselkurspolitik entscheiden.

Die europäische Währungsintegration

Die europäische Schlange

In punkto Wechselkurse schlugen die europäischen Staaten untereinander einen anderen Weg ein als die großen Industriestaaten. Durch die Liberalisierungs- und Integrationsfortschritte in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die in den 1970er Jahren erzielt wurden, stieg die innereuropäische Verflechtung, die Investitionen und der Handel, erheblich an. Als kleine, sehr offene Volkswirtschaften waren die europäischen Länder gegenüber Wechselkursschwankungen sehr anfällig. Diese Wechselkursrisiken stellten erhebliche Kosten für sie dar. Daher versuchten sie einen institutionellen Rahmen zu schaffen, um ihre Wechselkurse untereinander stabil zu halten. Beeinflusst war die Wahl fester und stabiler Wechselkurse auch durch die Erinnerung an die Hyperinflation der 1930er Jahre in einem System flexibler Wechselkurse. Weiter muss das Eintreten Europas für feste Wechselkurse im Rahmen der europäischen Integration seit 1945 gesehen werden. Durch wirtschaftliche Integration sollte die politische Integration und Stabilität vorangetrieben werden, die wiederum zu einer fortschreitenden wirtschaftlichen Integration führen würde. Ende der 1960er Jahr ist die Zollunion vollzogen worden. Um Preisdiskriminierungen und Wechselkursrisiken einzudämmen, musste eine Vereinheitlichung der Währungen der nächste Schritt in der europäischen Integration sein. Bereits 1969 hatte der Europarat bestätigt, die Gemeinschaft zu einer Wirtschafts- und Währungsunion weiter zu entwickeln. Neben den bereits angeführten Gründen intensivierte die Instabilität des Dollars die Diskussion über eine Europäische Währungsunion. Dies führte 1970 zur Gründung der Expertengruppe unter dem Vorsitz von Pierre Werner, dem luxemburgischen Premierminister.

Im sogenannten Werner-Bericht von 1979 wurde die Schaffung einer europäischen Währungsunion bis 1980 dargelegt: er empfahl 1. die Harmonisierung und Lenkung der europäischen Wirtschaftspolitiken durch eine übergeordnete Behörde; 2. die Verlagerung der fiskalischen Kompetenz auf die europäische Ebene und 3. eine beschleunigte Integration der Waren- und Faktormärkte. Einen Plan bezüglich der Schaffung einer einheitlichen Währung enthielt der Werner-Bericht jedoch nicht. Er sah vielmehr vor, ein System nationalen Zentralbanken zu schaffen und die Schwankungsbreiten der Währungen graduell zu verringern.

Der Werner-Plan wurde jedoch nicht umgesetzt. Zum einen erschwerten die erheblichen Dollarschwankungen die interne Stabilisierung. Zum anderen war die Gemeinschaft noch weit davon entfernt, die tief- und weitgreifenden Maßnahmen durchführen zu können. Der Beitritt Dänemarks, Irlands und Großbritanniens 1973 machten die Gemeinschaft noch vielfältiger und somit den Integrationsprozess temporär schwieriger. Nach dem Schließen des "Gold Windows" 1971 und der Abwertung des Dollars unter Präsident Nixon wurde im Dezember 1971 das Smithonian Agreement in Washington D.C. verhandelt, das versuchte, das Bretton Woods System noch einmal zu retten: hier wurden die erlaubten Schwankungsbreiten der Wechselkurse auf +/- 2,25% erhöht. 1972 führten die europäischen Staaten die sogenannte Währungsschlange ein. Innerhalb der Schlange verpflichteten sich die europäischen Staaten, ihrer bilateralen Kurse nicht über 4,5% hinaus schwanken zu lassen. Dieses System wird oft als die Schlange im Smithonian-Tunnel bezeichnet. Auch als der Smithonian-Tunnel 1973 zusammenbrach, hielten die europäischen Länder ihre Abmachung aufrecht. Es wurden Fazilitäten eingeführt und der europäische Fonds für währungspolitische Zusammenarbeit, der die Fazilitäten überwachen sollte, wurde gegründet.

Doch auch die Schlange geriet relativ schnell in Schwierigkeiten. Hierzu trugen die Ölkrisen, der Verfall des Dollar und der Wettbewerbsverlust Europas bei. Das eigenständige Fortbestehen der Schlange nach dem Zusammenbruch des Smithonian- Tunnels fiel mit der OPEC-Ölkrise 1973 und den steigenden Rohstoffpreisen zusammen. Aufgrund unterschiedlicher regionaler Rahmenbedingungen und unterschiedlichen Abhängigkeiten von Erdöleinfuhren, wirkte sich der Schock sehr asymmetrisch auf die Länder Europas aus. Dies führte zu einem unterschiedlichen Anpassungsdruck und unterschiedlichen Strategien. Während manche Länder wie Deutschland insbesondere die Inflation fürchteten, sahen andere Länder eine expansive Geldpolitik als die richtige Lösung an, die Produktion und Beschäftigung zu steigern. Auch der innereuropäische Handel wurde durch den Schock abgeschwächt. Es entstand ein erheblicher Anpassungsdruck auf die Währungen. Frankreich musste 1974 seine Währung kurzfristig floaten, kam aber ein Jahr später wieder in die Schlange zurück. Aufgrund einer expansiven Fiskalpolitik unter Chirac, musste Frankreich 1976 die Schlange erneut verlassen. Während Deutschland noch intervenierte, um die Währungen seiner kleinen Nachbarn zu stützen, wuchs gleichzeitig wie schon Ende der 1960er Jahre die Angst vor einer steigenden Inflationsrate. 1976 wurden dann die Währungen der Beneluxländer und Skandinaviens gegenüber der DM abgewertet. Diese Abwertung leitete eine Phase häufigerer Anpassungen ein. Die wirtschaftlichen Entwicklungen dämpften den Enthusiasmus bezüglich der europäischen Integration erheblich.

Problematisch für die Schlange war auch, dass es keinen bedeutungsvollen institutionellen Rahmen gab. Der "Europäische Fonds für währungspolitische Zusammenarbeit" hatte kaum Kompetenzen. So gab es keine wirkliche Koordination der Geldpolitik. Letztlich wirkte sich die Asymmetrie der Schlange negativ auf das System aus. Was als symmetrisches System als Antwort auf das asymmetrische System Bretton Woods konzipiert worden war, hatte sich schnell zu einem System mit einer Leitwährung entwickelt, der Deutschen Mark. Wie schon während des Bretton Woods System fester Wechselkurse und der Dominanz des Dollars hat das n-1 Problem zur Instabilität des Systems beigetragen. Insbesondere die Franzosen beklagten die Asymmetrie des Systems und sahen in ihr eine der grundlegenden Ursachen für das Scheitern der Schlange.

Das Europäische Währungssystem

Ein neuer Ansatz, die innereuropäischen Wechselkurse zu stabilisieren, war das Europäische Währungssystem (EWS), das auf dem Europäischen Rat in Bremen 1978 beschlossen und 1979 eingeführt wurde. Besondere Befürworter fester Wechselkurse blieben die Franzosen. Gründungsväter des EWS waren Präsident Valéry Giscard d?Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt. Hervorgegangen war das EWS aus der European Payments Union (1950-1958), dem European Monetary Agreement (1958-1972), das die volle Konvertibilität der europäischen Währungen umsetzte und einen Fonds zur Beseitigung temporärer Zahlungsbilanzungleichgewichte bereithielt, sowie dem Europäischen Fonds für währungspolitische Zusammenarbeit (European Monetary Cooperation Funds), der kurzfristige Kreditfazilitäten zur Unterstützung der Stabilisierung der innereuropäischen Wechselkurse innerhalb vereinbarter Schwankungsbreiten bereithielt. Dieses System einer Schlange im Tunnel hatte sich jedoch wie beschrieben aufgrund mangelnder Institutionalisierung als wenig stabil erwiesen. Das EWS sollte diese Institutionalisierung durch die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds (EWF) gewährleisten, der die Währungsreserven der teilnehmenden Länder verwalten, auf den Devisenmärkten intervenieren und ECU-Reserven schaffen sollte. Sobald Länder in Schwierigkeiten gerieten, sollten die Länder mit den starken Währungen die schwachen Währungen stützen und expandieren - eine Festlegung, die als "Trigger Mechanism" bezeichnet wird. Deutschland sah hierdurch jedoch wiederum die Preisstabilität gefährdet und lehnte den Plan ab. In der Gründung des EWS verzichtete man folglich auf den "Trigger Mechanism" und den Transfer nationaler Devisen an den Europäischen Währungsfonds.

Mit der Gründung des EWS sollten fünf vorrangige Ziele verwirklicht werden:

Alle neun EG-Länder - bis auf Großbritannien - traten dem EWS bei (Belgien, BRD, Dänemark, Frankreich, Italien, Irland, Luxemburg und die Niederlande). Sie verpflichteten sich, ihren Wechselkurs innerhalb festgelegter Schwankungsbreiten stabil zu halten, waren also zur Intervention gezwungen, sobald sich die Wechselkurse mit +/- 2,25%, bzw. +/- 6% für die italienische Lire in der Übergangsphase, von ihren Paritäten entfernten. Für alle Währungen wurde ein ECU-bezogener Leitkurs festgelegt. Der ECU - die European Currency Unit - setzte sich aus den am EWS teilnehmenden Länder zusammen. Die Höhe der jeweilige Währungsbeträge, die Korbanteile, an der Korbwährung ECU, orientierten sich an der wirtschaftlichen Bedeutung des entsprechenden Landes. Indikatoren für die wirtschaftliche Bedeutung waren unter anderem die Höhe des BSP und der Anteil am innereuropäischen Handel. 1984 und 1989 wurden die Zusammensetzung des ECU aufgrund des Beitritts Griechenlands, Spaniens und Portugals angepasst. Aus den ECU-Leitkursen konnten die bilateralen Leitkurse einer Währung zu allen anderen Währungen abgeleitet werden. Diese bilateralen Leitkurse bildeten die Paritäten zwischen zwei Währungen, um die die Wechselkurse innerhalb der festgelegten Bandbreite schwanken durften. Die Interventionspunkte ergaben sich aus den Höchst- und Niedrigpunkten der bilateralen Leitkurse. Wurde ein Intervenierungspunkt erreicht, so waren beide Länder verpflichtet zu intervenieren. Das Land, dessen Währung unter Abwertungsdruck erhielt, sollte von dem Land mit Aufwertungsdruck einen Kredit erhalten. Der ECU erfüllte folgende Aufgaben im EWS (Moritz 1999: 173):

Begann eine Währung sich vom gewogenen Durchschnitt aller EWS-Währungen zu entfernen, so sollte die Regierung folgende Maßnahmen durchführen, wobei keine offizielle Pflicht bestand, wirtschaftspolitische Maßnahmen durchzuführen (Moritz 1999: 175):

Um eine eingeschränkte Autonomie der Regierungen zu gewähren, durften Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden. Bei anhaltenden Spannungen auf den Devisenmärkten konnten Veränderungen der Leitkurse (Realignments) durchgeführt werden, wobei die Zustimmung aller am EWS beteiligten Länder notwendig war.

Die ersten vier Jahren des EWS, 1979-1983, zeichneten sich durch eine Vielzahl von Währungsanpassungen aus. Im Durchschnitt wurden die Leitkurse alle acht Monate angepasst. Eine Ursache für die häufigen Anpassungen war sicherlich die Rezession, und die daraus resultierenden innereuropäischen wirtschaftlichen und politischen Divergenzen. Problematisch war auch die französische Wirtschaftspolitik. Nach der Wahl der Sozialisten im Frühjahr 1981, verfolgt die Regierung Mitterands eine expansive Geld- und Fiskalpolitik, um die Produktion zu steigern und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Dieser wirtschaftspolitische Alleingang - die deutsche Regierung verfolgte zur gleichen Zeit restriktive Maßnahmen, um den inflationären Druckeinzudämmen - führte sowohl zu einem gravierenden Verlust an Währungsreserven als auch zu mehreren Abwertungen des Francs im September 1981, Juni 1982 und März 1983 (Eichengreen 2000: 217).

In der 2. Periode von 1983 bis 1987 ging die Häufigkeit der Anpassungen erheblich zurück. Diese Phase wird als Konsolidierungsphase bezeichnet, die grundlegend von der Bereitschaft Frankreichs getragen wurde, die internen notwendigen Anpassungsmaßnahmen durchzuführen. Da sich die europäische Wirtschaft langsam erholte, waren Sparmaßnahmen erträglicher und leichter durchsetzbar, und die Risiken wirtschaftspolitischer Konvergenzen gingen zurück. Eine weitere Ursache der Kehrtwende der Geldpolitik war zum einen die Erfahrung, dass eine expansive Geldpolitik und Inflation nicht zu dem erwünschten Effekt der Steigerung der Beschäftigung führt (monetaristische Phillips-Kurven-Theorie). Zum anderen zeigte sich, dass durch eine inflationäre Geldpolitik verschiedene Risiken und Kosten entstehen, zu denen unter anderem ein Prestigeverlust des Landes, Abwertungserwartungen und höhere Zinsen, Abwertungs- und Inflationsspirale als auch Erhöhung der Auslandsschulden in nationaler Währung gehören. Preisstabilität wurde somit in vielen Ländern zur Präferenz.

Die dritte Phase 1987-1992 zeichnet sich durch eine stetig wachsende Rigidität und Asymmetrie aus. In diesen fünf Jahren wurde nur ein Realignment durchgeführt. Wie bereits erwähnt, hatte sich die DM recht schnell zur Anker- und Leitwährung entwickelt. Das heißt, dass die anderen Länder ihre Geldpolitik an der Deutschlands ausrichteten. Dies wirkte sich zunehmend belastend auf das System aus. Durch diese Asymmetrie kam es wiederum zum n-1 Problem, und die Anpassungskosten mussten hauptsächlich von den Ländern mit den schwachen Währungen getragen werden. So entstanden schnell divergierende wirtschaftspolitische Interessen in dem System, die später zur Krise des EWS führen sollten.

Die Krise des EWS

Wie bereits erwähnt, kam es in der dritten Phase des EWS zu stetig wachsenden Spannungen. Eine Ursache für diese war der Beitritt Großbritanniens, Spaniens und Portugals zum EWS - Länder mit überdurchschnittlichen Inflationsraten, wachsenden Leistungsbilanzdefiziten und hohen Zinssätzen. In Deutschland brachte die Wiedervereinigung Haushaltsdefizite, Kapitalimporte und eine Ausgabenschwemme mit sich. Die Inflationsrate stieg in Deutschland auf 4% - ein für Deutschland relativ hohes Niveau - so dass die Bundesbank die kurzfristigen Zinsen erhöhte (Moritz 1999: 185). Der Diskontsatz wurde am 16. Juli 1992 von 8% auf 8,75% angehoben. Um einen Abwertungsdruck zu umgehen, mussten die anderen EWS-Länder ebenfalls ihre Zinsen erhöhen. Weiter wurde durch die Abwertung des Dollars gegenüber der DM die Wettbewerbsfähigkeit aller EWS Länder beeinträchtigt. Gleichzeitig erlebte Europa seine schwerste Rezession der Nachkriegszeit. Die restriktive Geldpolitik war für viele EWS-Länder nicht mehr tragbar. Letztlich zerstörte das dänische "Nein" im Referendum über den Vertrag von Maastricht und den Beitritt zur Währungsunion am 2. Juli 1992 die Glaubwürdigkeit der Paritäten und das Vertrauen in das bestehende System. Der Anpassungsdruck wuchs durch die Unsicherheit bezüglich des französischen Referendums am 20. September 1992. Da die Akteure des internationalen Finanzsystems eine Abwertung der Währungen vermuteten, begannen sie ihr Kapital aus den Ländern zu ziehen: im August fiel das Pfund auf seinen Interventionspunkt; die Lira unterschritt ihren Interventionspunkt zwei Tage später am 28. August 1992 (Eichengreen 2000: 226). Folglich begannen die Akteure aktiv gegen das Wechselkurssystem zu spekulieren, worauf am 13. September die Lira um 3,5% abgewertet wurde. Die Bundesbank senkte den Diskontsatz von 8,75% auf 8,25% (Moritz 1999: 186). Dennoch nahm der Druck auf Großbritannien, Spanien, Portugal und Italien zu, und die Länder erfuhren massive Verluste an Währungsreserven. Auch der Versuch der britischen Regierung, das Pfund durch eine Erhöhung der kurzfristigen Zinssätze zu stärken, scheiterte. Sowohl das Pfund als auch die Lira schieden am 17. September 1992 aus dem EWS aus. Nach dem Austritt der beiden Währungen gerieten auch der Franc, die dänische Krone und das irische Pfund trotz des Ergebnisses des französischen Referendums - ein knappes "Ja" - unter Druck. Frankreich musste massiv intervenieren und der Druck auf die Währungen Spaniens, Portugals und Irlands zwang die Länder, ihre Kapitalverkehrskontrollen zu verschärfen. Am 23. November wurden die Peseta und der Escudo um jeweils 6% abgewertet. Kurz darauf, am 10. Dezember, gab Norwegen seine Koppelung an den ECU auf. Das irische Pfund wurde am 30. Januar 1993 um 10% abgewertet. Von März bis Ende Juni 1993 wurde eine kurzfristige Stabilisierung des französische Franc erreicht, und der Franc wertete um 1,5% auf. Dies wurde von der Banc de France und anderen europäischen Zentralbanken genutzt, um ihre Leitzinsen zu senken. Die Senkung des Bundesbank am 1. Juli 1993 war jedoch mit 0,5 % relativ gering. Frankreich hatte eine schrittweise Senkung von 9,1% auf 6,75% vorgenommen. Nachdem die deutsche Regierung ihre Teilnahme an einem von Frankreich verlangten bilateralen Treffen abgesagt hatten, vermuteten die Finanzmarktakteure, dass Deutschland die inflationäre Politik Frankreichs nicht unterstützen werde. Daraufhin wertete sich der Franc ab und die dänische Krone und der belgische Franc folgten. Wegen der sich anbahnenden gravierenden Krise wurde am 2. August 1993 vom deutschen Finanzministerium der Währungsausschuss einberufen. Der erreichte Kompromiss bestand in einer Erhöhung der Schwankungsbreite von 2,25% auf 15%, wobei diese weite Bandbreite eher einem Floaten als festen Wechselkursen entsprach.

Ursachen der EWS Krise - ein Erklärungsversuch

Barry Eichengreen zufolge versuchen unterschiedliche Thesen die Krise des EWS zu erklären: 1. unzureichende Harmonisierung früherer Maßnahmen (Inflation und Leistungsbilanzdefizite), 2 unzureichende Maßnahmen zukünftiger Maßnahmen und 3. spekulativer Druck (Eichengreen 2000: 229).

Der ersten These zufolge blieben trotz der Annäherung der Inflationsraten gravierende Unterschiede bestehen. Insbesondere Italien, Spanien und Großbritannien hatten das Problem der Inflation nicht vollständig überwunden und kämpften gleichzeitig mit einem Leistungsbilanzdefizit, das sich durch die Überbewertung ihrer Währungen und einen Verlust der Wettbewerbsfähigkeit verschlimmerte. Die Akteure der internationalen Finanzmärkte erkannten die grundlegenden Probleme und begannen, ihr Kapital aus den betroffenen Ländern abzuziehen. Dies löste letztendlich die Krise aus. Eichengreen argumentiert, dass diese Erklärung nur bedingt zutrifft: Eine wirkliche Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit habe sich nur in Italien gezeigt. Der Abwertungsdruck gegenüber der DM könne auch nicht durch zunehmende Inflationsdifferenzen erklärt werden, da sich die Preisentwicklung zwischen den Kernwährungsländern relativ gleichgerichtet entwickelt habe. Der Hauptfehler an der These der übermäßigen Inflation und Leistungsbilanzdefizite sei Eichengreen zufolge, dass sich die Angriffe auf die Währungen und der Vertrauensverlust im Verhalten der Devisenterminkurse und dem Zinsgefälle hätten widerspiegeln müssen. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Vielmehr seien die Variablen erst am Vorabend der Krise nach oben geschnellt. Diese zeige, dass die Märkte nicht wirklich das Vertrauen verloren hatten, "bis das Ereignis praktisch unmittelbar bevorstand" (Eichengreen 2000: 230).

Der zweiten These zufolge bestand die Ursache für die Krise in der Inkonsistenz der wirtschaftspolitischen Ziele. Die Wiedervereinigung und der daraus resultierende Nachfrageboom in Deutschland führte zu einer steigenden Inflation, so dass die Bundesbank zu Sicherung der Preisstabilität die Leitzinsen erhöhte. Die Kernwährungsländer kämpften dahingegen seit 1990 mit einer rückläufigen Konjunktur, und der Inflationsdruck war relativ gering. Für die Länder entstand ein Zielkonflikt: sollten sie die Wirtschaft durch eine expansive Geldpolitik ankurbeln und somit die Paritäten aufgeben, oder sollten sie der restriktiven Politik Deutschlands folgen und somit die Wechselkurse stabilisieren, aber die Rezession verstärken? Letzteres hätte zu einer steigenden Arbeitslosigkeit und schließlich zu einem Druck auf die Politik geführt, die Sparmaßnahmen aufzugeben. Die internationalen Finanzmärkte zogen diese Überlegung in ihre Analyse mit ein und spekulierten vorwiegend gegen die Währungen der Länder mit hohen Arbeitslosenquoten und schwachen Regierungen.

Problematisch ist jedoch auch an dieser Erklärung, dass sich die Vermutungen der Finanzmarktakteure nicht schon früher in den Einjahresterminkursen der Währungen widerspiegelte.

Eichengreen zufolge ist die grundlegende Erklärung der Krise der "self-fulfilling attack". Die EWS-Krise sei demnach eine sich selbstbestätigende Währungskrise gewesen (Eichengreen 2000: 233). Grundlegende Annahme ist, dass der Haushalt und die Zahlungsbilanz eines Landes ausgeglichen sind. Man geht weiter davon aus, dass das Land feste Wechselkurse hat und Regierungen rationale Akteure sind, die bei der Entscheidung über die Verteidigung eines festen Wechselkurses eine Kosten-Nutzen-Analyse vornehmen: Die Regierung wird den Wechselkurs solange verteidigen, wie die Kosten den Nutzen nicht überschreiten. Der Hauptnutzen der Verteidigung liegt dabei in einem Glaubwürdigkeitsgewinn für die Zukunft, die Hauptkosten in den adversen Effekten, wie höhere Zinsen, auf die Volkswirtschaft. Greifen Spekulaten nun eine Währung an, kommt es durch den schnellen Kapitalabfluss, beziehungsweise durch den Abfluss von Devisen und das steigende Angebot der inländischen Währung, zu einem massiven Abwertungsdruck. Um die Währung zu verteidigen, müssen die Währungshüter des Landes nun die Zinsen steigen lassen. Die steigenden Zinsen können sich jedoch negativ auf die Wirtschaft des Landes auswirken. So werden die Investitionen teurer und nehmen ab. Diese Entwicklung wirkt sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum aus und letztlich auch auf die Beschäftigung. Die Aufrechterhaltung der Währung kann demnach für die Regierung zu kostspielig werden. Die Währungshüter werden folglich die Währung abwerten. Es kommt also durch das Verhalten der Investoren zu der von ihnen erwarteten Abwertung, auch wenn vor ihrer Spekulation das Land nicht vorhatte, den festen Wechselkurs aufzugeben und die Währung unbegrenzt hätte gestützt werden können, wenn kein Angriff stattgefunden hätte. Eichengreen zufolge hat der Vertrag von Maastricht die Grundlage für den "Self-fullfilling Attack" gelegt: der Vertrag hatte als Bedingung für die Teilnahme an der EWU Wechselkursstabilität in den letzten zwei Jahren vor dem Beitritt festgeschrieben. Eine Krise am Devisenmarkt und eine Abwertung kann demnach den Beitritt verhindern, auch wenn die anderen Kriterien des Vertrags erfüllt sind. Dadurch sinkt im Fall eines spekulativen Angriffs der Anreiz enorm, die Währung mit Maßnahmen zu stützen, die sich schmerzvoll auf die wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigung auswirken.

Letztendlich findet man in der Krise des EWS und seinem Zusammenbruch erhebliche Parallelen zum Zusammenbruch des Bretton Woods Systems fester Wechselkurse. In beiden Fällen lag ein asymmetrisches System fester Wechselkurse vor: im Bretton Woods System war der Dollar die Leitwährung, im EWS war die Leitwährung die DM. In beiden Systemen bestand das n-1 Problem. Das heißt, dass beide Länder, die USA und Deutschland, eine eigenständige Geldpolitik verfolgten und diese nicht den anderen Ländern des Systems anpassten. In beiden Systemen mussten die Anpassungskosten von den anderen Ländern getragen werden. Während die USA eine expansive Geldpolitik verfolgten und somit das System destabilisierten, verfolgte Deutschland eine restriktive Geldpolitik und trug somit zu den inneren Spannungen bei. In beiden Fällen entstand ein Glaubwürdigkeitsproblem und ein Vertrauensverlust in die festen Wechselkurse. Zusammenfassend kann man sagen, dass ein System reversibler Wechselkurse inherent instabil ist.

Die Europäische Währungsunion

Während in der zweiten Phase des EWS die Wechselkursschwankungen und Anpassungen zurückgingen, wurde die EG durch andere grundlegende Probleme belastet. So blieb die Arbeitslosigkeit hoch, und man befürchtete, Europa habe seine Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Japan und den USA verloren. Das niedrige Wirtschaftswachstum, die hohe Arbeitslosigkeit und die fehlende Wettbewerbsfähigkeit wird als "Eurosklerose" bezeichnet. Die ungünstige wirtschaftliche Entwicklung, zusammen mit den Wechselkursverpflichtungen der EWS-Länder, beschleunigte den europäischen Integrationsprozess. Man vermutete, dass durch eine weitere Integration ein Abbau der innereuropäischen tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnisse, eine Vereinfachung ordnungspolitischer Strukturen, ein steigender Wettbewerb zwischen den Mitgliedsstaaten und Größen- und Verbundsvorteile für die Produzenten erzielt werden könnten. Dies sollte wiederum zu einer steigenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit der EG und einer sinkenden Arbeitslosigkeit führen. Dargelegt wurde dieser Plan in der Einheitlichen Europäischen Akte von 1986. Die fortschreitende Integration intensivierte wiederum die Diskussion über eine Währungsunion: um einen wirklichen Binnenmarkt für Handelsgüter und Produktionsfaktoren zu schaffen, mussten auch die versteckten Hindernisse, wie Preisunterschiede und Preisdiskriminierungen, die sich durch die unterschiedlichen Währungen ergaben, beseitigte werden. Auch musste den Ländern die Möglichkeit zur Manipulation ihrer Währungen genommen werden. Das EWS hatte diese Probleme nicht gelöst, so dass sich der französische Finanzminister Edouard Balladur in einer Mitteilung an den Ecofin, den EG-Rat für Wirtschafts- und Währungsfragen, 1987 für die Schaffung eines neuen Währungssystems einsetzte. Dies führte 1989 zum Delors-Plan, der den Übergang zu einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion in drei Stufen vorsah. Wie schon im Werner-Plan sollte die Währungsunion im Delors-Plan stufenweise innerhalb eines Jahrzehnts erreicht werden: Das wesentliche Ziel der ersten Stufe, der Vorbereitungsstufe, die am 1. Juli 1990 begann, war die Abschaffung von Kaitalverkehrskontrollen. Weiter sollte eine Koordination der Wirtschafts-, Geld und Finanzpolitik der beteiligten Länder erreicht und die notwendigen vertraglichen Änderungen durchgeführt werden. Folglich wurde 1990 eine Regierungskonferenz einberufen, die 1992 zum Vertrag von Maastricht führte, in dessen Zentrum die Verwirklichung der Währungsunion stand. Der Vertrag übernahm den Stufenansatz des Delors-Plans.

In der zweiten Stufe, der Übergangsstufe, die am 1. Januar 1994 begann, sollte die Preisstabilität erhöht werden, indem eine größere fiskalische, wirtschaftliche und monetäre Konvergenz gefördert werden sollte. Folglich wurden die monetäre Finanzierung öffentlicher Defizite verboten und einzelstaatliche Haushaltsdefizite überprüft. Am 1. Januar wurde das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) eingerichtet. Das ESZB sollte die Verknüpfung nationaler und europäischer Kompetenz im Bereich der Währungspolitik sicherstellen und Kompetenzunklarheiten vermeiden. Als Vorläufer zur europäischen Zentralbank wurde das Europäische Währungsinstitut (EWI) gegründet, das die geldpolitische Koordination zwischen den potentiellen Mitgliedsländern vorantreiben sollte. Ende 1996 sollten die Regierungschefs der EU darüber entscheiden, ob ein Termin für die Schaffung der Währungsunion festgelegt werden könnte, der voraussetzt, dass die Mitglieder die Kriterien erfüllten. Sollte man keinen Termin finden, so sollte dem Vertrag folgend die dritte Stufe, die Errichtung der Währungsunion, am 1. Januar 1999 beginnen, auch wenn nur eine Minderheit der Staaten teilnehmen kann.

In der dritten Stufe sollten die Wechselkurse der teilnehmenden Länder unwiderruflich, ohne Schwankungsbandbreite, festgelegt werden. In einer dreijährigen Übergangsphase sollte der Euro nur als Buchgeld verfügbar sein. Am 1. Januar 2002 sollten die auf Euro lautenden Banknoten und Münzen in den Umlauf gegeben werden. Am ersten Juni 2002 sollen die nationalen Banknoten dann ihre gesetzliche Zahlungsmittelfunktion verlieren.

Deutschland stimmte erst dem Zeitpunkt des Beginns der dritten Phase zu, nachdem festgelegt wurde, dass sich die Währungsunion auf Länder beschränkt, die bestimmte Kriterien erfüllen. Während die Monetaristen argumentierten, dass eine Konvergenz der Wirtschaftspolitiken durch eine frühe Fixierung der Wechselkurse erreicht werden könnte, argumentierten die Ökonomisten, dass eine Konvergenz der Preis- und Zahlungsbilanzentwicklung durch eine größere wirtschaftspolitische Koordination erzielt werden müsse, bevor man eine Währungsunion errichten könne. Deutschland vertrat eher die Theorie der Ökonomisten, während Frankreich zu den Monetaristen gehörte. Die Konvergenzkriterien von Maastricht waren ein Kompromiss zwischen den zwei Wegen. Die Kriterien sollten zu einer Konvergenz zwischen den Ländern führen und sicherstellen, dass die an der Währungsunion teilnehmenden Länder ungefähr die gleiche Ausgangssituation hatten.

Die gemeinsame Währung, der Euro, wurde am 1. Januar 1999 eingeführt. Die Umstellung der Währung erfolgte in folgenden Schritten:

Die Konvergenzkriterien

Zu den Konvergenzkriterien gehören: 1. Erreichen eines hohen Grades an Preisstabilität, 2. eine auf Dauer tragbare Finanzlage der öffentlichen Hand, 3. Einhaltung der normalen Bandbreiten des Wechselkursmechanismus des EWS seit mindestens zwei Jahren ohne Abwertung und 4. der durchschnittliche Zinssatz für die Staatsschuldverschreibungen mit Laufzeiten von 10 Jahren darf nicht mehr als 2% über dem Durchschnitt der preisstabilsten Länder liegen

Zum Zeitpunkt der Prüfung am 2./3. Mai 1998 erfüllten alle EU-Länder bis auf Griechenland die Referenzwerte bezüglich der Inflationsrate, der Neuverschuldung und dem Zinsniveau. In bezug auf die Verschuldung konnten nur Frankreich, Finnland, Großbritannien und Luxemburg den Referenzwert einhalten. Doch auch bei der Neuverschuldung muss beachtet werden, dass die Referenzwerte oftmals nur durch massive einmalige Transaktionen erreicht werden konnten. So zahlte die französische Telecom einen einmaligen Betrag in der Höhe von 37,5 Milliarden Franc an den französischen Staatshaushalt als Gegenleistung für die Übernahme von Pensionsverpflichtungen durch den Staat. Durch diese Maßnahme konnte das Haushaltsdefizit um 0,5 Prozentpunkte verbessert werden. In Italien konnte das Haushaltsdefizit durch die Erhebung einer weitgehend rückzahlbaren Eurosteuer gesenkte werden.

Kritisch an den Konvergenzkriterien muss angemerkt werden, dass sie weder Arbeitsmobilität noch Lohnflexibilität berücksichtigten und förderten - beides wichtige Voraussetzungen für einen optimalen Währungsraum, der auch auf asymmetrischen Schocks effektiv reagieren kann. So verlangten die Kriterien weder eine Konvergenz der Arbeitslosenraten noch setzten sie eine maximale Arbeitslosenrate als Bedingung für den Beitritt fest. Folglich bemühten sich die Länder auch nicht, Arbeitsmarktreformen durchzuführen, die jedoch für die meisten Länder der EU dringend notwendig gewesen wären, um die Rigidität des Arbeitsmarktes, die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit und hohen Arbeitslosenraten insgesamt zu bekämpfen. Bleiben die Probleme auf den Arbeitsmärkten bestehen, kann sich dies sehr negativ auf die Währungsunion auswirken. Zum einen entstehen hierdurch hohe Kosten für den Staat, und die Staatsausgaben steigen. Dies kann sich wiederum negativ auf die Wirtschaft auswirken und zu einem steigenden Haushaltsdefizit, steigenden Zinsen und einer sinkenden Investitionsrate führen. Andererseits kann durch rigide Arbeitsmärkte die Wettbewerbsfähigkeit des Gebiets geschwächt werden. Letztlich steigt durch die wachsende Arbeitslosenquote der Druck auf die nationalen Regierungen, Einfluss auf die EZB zu nehmen. Die internationalen Akteure nehmen an, dass die Regierungen nicht unbegrenzt dem Druck der Bevölkerung, und die EZB schließlich nicht dem Druck der Regierungen standhalten kann. Die Finanzmarktakteure vermuten, dass letztendlich die Preisstabilität zugunsten einer expansiven Geldpolitik zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aufgegeben wird, und es schließlich zu einer Abwertung der einheitlichen Währung kommt. Diese Vermutung kann durchaus zu einer Spekulation gegen die Währung führen, die ihre Stabilität gefährdet.

Die Schwäche des Euro hat heute dazu geführt, dass viele Länder versuchen, Arbeitsmarktreformen durchzuführen. Dennoch besteht hier weiterhin sehr viel Handlungsbedarf für die nationalen Regierungen und die EU.

Die Theorie des Optimalen Währungsraums

Mit Einführung der Konvergenzkriterien sollte eine realwirtschaftliche und monetäre Konvergenz der Länder sichergestellt werden. Grundlage für diese Maßnahme war die Theorie des Optimalen Währungsraums. Hier wird angenommen, dass Länder durch den Beitritt in eine Währungsunion zwei wirtschaftspolitische Instrumente aufgeben, um auf exogene, sich asymmetrische auswirkende Schocks reagieren zu können. Reale Schocks können unter anderem durch folgende Entwicklungen verursacht werden:

Innerhalb einer Währungsunion kann zum einen keine nationale Geldpolitik mehr verfolgt werden, zum anderen fällt das Instrument der Wechselkursanpassungen weg. Die Theorie des Optimalen Währungsraumes untersucht, unter welchen Bedingungen das Wegfallen beider Instrumente unproblematisch ist, die betroffenen Volkswirtschaften den Schock also ohne die Wechselkursinstrumente verarbeiten können. Die Theorie argumentiert, dass eine Region dann ein optimaler Währungsraum ist, wenn die Arbeitskräfte sehr mobil und Preise sehr flexibel sind.

Dies läßt sich am besten an einem Zweiländermodell verdeutlichen. Angenommen wird ein Angebotsschock bei dem eine Verschiebung der Nachfrage von französischen Produkten zu deutschen Produkten stattfindet. In Deutschland wird es durch die steigende Nachfrage zu einer steigenden Produktion kommen. Folglich steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften, die Beschäftigung nimm zu und der Preis für Arbeit, der Lohn, steigt. Folglich steigt der Preis der Produkte - die Inflation nimmt zu. In Frankreich kommt es zu einer Rezession. Durch die geringere Nachfrage wird weniger produziert. Folglich werden weniger Arbeitskräfte nachgefragt. Die Arbeitslosenrate wird steigen. Das Beschäftigungsproblem in Frankreich könnte nun entweder durch eine expansive Geldpolitik oder eine Abwertung der Währung behoben werden. Durch eine Abwertung werden die französischen Produkte billiger, und nach einer kurzen Anpassungsphase steigen auch die Exporte wieder. Um die Inflation in Deutschland einzudämmen, müsste die Bundesbank eine restriktive Geldpolitik verfolgen. Auch könnte die Währung aufgewertet werden, so dass die Produkte teurer werden und die Exporte sinken.

Innerhalb einer Währungsunion, in der die Länder ihre geldpolitische Kompetenz an eine Zentralbank wie die EZB delegiert haben, und es nur eine einheitliche Währung und eine einheitliche Geldpolitik gibt, können den unterschiedlichen Bedürfnisse Frankreichs und Deutschlands nicht gleichzeitig entsprochen werden.

Der Theorie des Optimalen Währungsraums folgend muss die Anpassung nun über andere Kanäle, wie über die Faktor- und Güterpreise laufen. In dem Beispiel muss die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs durch die Flexibilität der Preise wieder hergestellt werden. Durch den Rückgang der Nachfrage und die daraus resultierende steigende Arbeitslosigkeit entsteht ein Druck auf die Löhne. Werden die Löhne angepasst, sinkt der Preis der Produkte. Folglich steigt deren Wettbewerbsfähigkeit und die Nachfrage nach französischen Produkten steigt wieder. Dies führt zu einer steigenden Produktion und einer sinkenden Arbeitslosigkeit. Die Rezession in Frankreich ist überwunden. Gleichzeitig steigen die Deutschland die Lohnkosten und schließlich die Preise der Produkte. Die Produkte werden weniger wettbewerbsfähig. Dies führt zu einer sinkenden Nachfrage und sinkenden Produktion. Letztendlich sind die beiden Länder wieder im Gleichgewicht.

Der zweite Anpassungsmechanismus ist die Arbeitskräftebewegung. In dem Zweiländermodell kämpft Deutschland mit einer Überbeschäftigung, Frankreich mit einer Unterbeschäftigung. Dieses Problem kann durch eine Wanderung der Arbeitskräfte von Frankreich nach Deutschland gelöst werden. Durch das geringere Arbeitskräfteangebot in Frankreich steigt einerseits der Preis der Arbeit, der Lohn. Andererseits fällt dadurch die Arbeitslosenquote. In Deutschland wird aufgrund des steigenden Arbeitskräfteangebots der Preis der Arbeit sinken, so dass auch die Produktionskosten fallen und letztendlich die Inflationsrate gesenkt werden kann. Die beiden Länder befinden sich schließlich wieder im Gleichgewicht.

Betrachtet man die Europäische Union in Bezug auf Lohnflexibilität und Arbeitsmobilität scheint die Region kein optimaler Währungsraum zu sein. Die Arbeitsmobilität ist aufgrund der sprachlichen Barrieren sehr gering. Schon innerhalb der meisten Länder, wie in Deutschland, ist die Arbeitskräftemobilität sehr gering, und die Arbeitsmärkte sind sehr rigide. Im Vergleich zu der Arbeitsmobilität in der EU ist die Arbeitsmobilität in den USA zwei bis drei mal so hoch (Moritz 1999: 202).

Andererseits ist die Lohnflexibilität durch den hohen Grad der gewerkschaftlichen Organisation in den meisten Ländern, wie in Deutschland, sehr gering.

Da Europa die Kriterien des optimalen Währungsraum nur sehr begrenzt erfüllte, sollte die Konvergenz zwischen den Euroländern erhöht werden, damit Schocks sich nicht asymmetrisch auf die Länder der Währungsunion auswirken und demnach keine unterschiedlichen wirtschaftspolitische Maßnahmen notwendig wären. Dies sollte durch die Konvergenzkriterien sichergestellt werden.

Es gibt mehrere Kritikpunkte bezüglich der Theorie des Optimalen Wechselkurses, die im folgenden kurz dargestellt werden sollen. Hier sei angemerkt, dass sich die Argumente zum Teil widersprechen. So kritisieren einige die Annahme, dass der Wechselkursmechanismus in einem optimalen Währungsraum aufgegeben werden könnten. Dahingegen argumentieren andere, dass die Abwertung einer Währung langfristig kein guter Anpassungsmechanismus sei, da sie mit weitreichenden Kosten verbunden sei.

1.      Wie beschrieben nimmt die Theorie des optimalen Währungsraums an, dass Wechselkursanpassungen nicht notwendig sind, wenn die Arbeitskräftemobilität hoch und die Preise flexibel sind. Problematisch an beiden Anpassungsmechanismus ist, dass sie im Vergleich zu Währungsanpassungen relativ langsam sind, und es nur langfristig zu der Wiederherstellung des Gleichgewichts kommt. Kurzfristig entstehen jedoch durch die Arbeitslosigkeit, beziehungsweise durch die Inflation hohe Kosten. Dadurch steigt der Druck auf die Regierung, bei der EZB eine expansive beziehungsweise restriktive Geldpolitik zu bewirken. Letztendlich kann dieser Druck die Glaubwürdigkeit der Währungsunion untergraben und zu spekulativen Angriffen gegen die Währung führen. Folglich können auch kurzfristige wirtschaftliche Ungleichgewichte die Stabilität der Währungsunion gefährden. Hier wird argumentiert, dass die Aufgabe des Wechselkursmechanismus mit hohen kurzfristigen Kosten verbunden ist. Dieses wird von der Theorie des optimalen Wechselkurses vernachlässigt.

2.      Die Theorie nimmt an, dass in Regionen, in denen weder eine hohe Arbeitskräftemobilität noch Lohnflexibilität bestehen, die Aufgabe des Wechselkursinstruments zu kostspielig ist. In dieser Argumentation werden jedoch nicht die möglichen Kosten einer Abwertung berücksichtigt. Durch eine Abwertung werden die Produkte billiger. Dies führt nicht gleich zu einer Zunahme der Exporte, da die Nachfrage im Ausland relativ starr ist und sich nicht sofort anpasst. Gleichzeitig werden Importe teurer. Wie die Nachfrage im Ausland, ist auch die Nachfrage im Inland relativ starr, und die Importe sinken nicht sofort nach der Abwertung. Kurzfristig wird die Leistungsbilanz also noch negativer. (siehe auch: J-Kurven Effekt) Mittelfristig passen sich die Nachfragestrukturen an, und es kann zu einem Gleichgewicht kommen. Langfristig gesehen ist eine Abwertung jedoch kein sinnvolles Instrument. Einerseits verschlechtern sich die "Terms of Trade" eines Landes durch die Abwertung, das heißt, dass die Preise für importierte Vorleistungen und importierte Investitionsgüter steigen. Dadurch steigen die Produktionskosten, das Preisniveau der inländischen Güter steigt, und es kommt letztendlich zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsposition. Auch die Preise für die importierten Konsumgüter steigen durch die Abwertung. Dadurch sinkt der Reallohn und die Lohnanforderungen steigen. Durch steigende Löhne kommt es ebenfalls zu einer Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsposition. Weiter führen die Abwertung zu einer Gefährdung der Preisstabilität und können das Vertrauen der internationalen Finanzakteure in die Währung untergraben. Letztlich riskiert man mit wiederholten Abwertungen, dass andere Länder ebenfalls ihre Währung abwerten und es zu einer wettbewerbsbedingten Abwertungsspirale kommt. Letztendlich können Abwertungen nur effektiv sein, wenn:

3.      Ein optimaler Währungsraum im Sinne der Theorie muss nicht unbedingt Voraussetzung für eine Währungsunion sein. Durch die Einführung einer einheitlichen Währung kann es zu einer steigenden wirtschaftlichen Konvergenz kommen, so dass sich Schocks nicht mehr asymmetrisch auswirken.

Insgesamt ist der Nutzen einer Währungsunion und die Aussicht auf Erfolg dann größer, wenn:

Der Stabilitäts- und Wachstumspakt

Im Herbst 1995 schlug der damalige deutsche Finanzminister Theo Waigel vor, den Vertrag von Maastricht um eine Stabilitäts- und Wachstumspakt zu ergänzen, damit die Konvergenzerfordernisse zur Sicherung der Preisstabilität nicht nur für den Eintritt in die Währungsunion, sondern dauerhaft gelten. Der Stabilitätspakt wurde auf der Konferenz von Dublin im Jahr 1996 vorbereitet und im Juni 1997 in Amsterdam beschlossen. Der Pakt soll eine solide Finanzpolitik in den Euroländern garantieren. Er schreibt daher vor, dass die Nettoneuverschuldung nicht über 3% des BIP ausgedehnt werden soll. Übersteigt das Haushaltsdefizit eines Landes die 3%, müssen (außer in Zeiten starker Rezession oder bei außerordentlichen Ereignissen wie Naturkatastrophen) innerhalb einer bestimmten Frist Budgetkorrekturen vorgenommen werden. In einer leichten Rezession (das BIP geht weniger als 0,75% zurück) gelten keine außergewöhnlichen Umstände. Werden diese Maßnahmen nicht durchgeführt, kann der Rat Sanktionen beschließen, zunächst in Form einer unverzinslichen Einlage: Im Jahr 1996 hätte zum Beispiel Deutschland bei Gültigkeit des Stabilitätspaktes bei einem Haushaltsdefizit von 3,9% eine Einlage von 0,29% des BIP hinterlegen müssen. Dies hätte 10,3 Milliarden DM entsprochen (Moritz 1999: 196). Bleibt das betreffende Haushaltsdefizit übermäßig, wird die Sanktion nach zwei Jahren in eine Geldbuße umgewandelt.

Der Stabilitätspakt wurde verabschiedet, da man annahm, dass es nach dem der Einführung der gemeinsamen Währung zu einem Anstieg der Staatsverschuldung der Mitgliedsländer kommen werde. Ein Ansteig der Staatsverschuldung wurde aus folgenden Gründen vermutet:

Die Entwicklungen der achtziger Jahre

Die achtziger Jahre waren sowohl von wirtschaftspolitischen Erfolgen, als auch von Misserfolgen geprägt. Neue Probleme ergaben sich aus wachsenden fiskalischen Defiziten, der internationalen Schuldenkrise und strukturellen Rigiditäten in Europa und vielen Entwicklungsländern. Erfolge waren die Bekämpfung der Inflation in den Industrienationen, starkes wirtschaftliches Wachstum in Asien und strukturelle Reformen in den Industrienationen und Entwicklungsländern wie die Öffnung der Märkte und Stärkung des internationalen Handel (Boughton 2000: 10ff.).

Fiskalische Defizite

Exogene Schocks gekoppelt mit teuren fiskalischen Programmen in den Industrienationen in der ersten Hälfte des Jahrzehnts, führten zu immer größer werdenden fiskalischen Defiziten weltweit. Gleichzeitig dominierte zur Bekämpfung der Inflation eine sehr restriktive Geldpolitik, was zu einem scharfen Ansteigen der langfristigen Zinssätze (von 1% 1970 auf 7% im Jahr 1983) führte und einen Rückgang der globalen Investitionsquoten bewirkte. Die Korrektur fiskalischer Exzesse in den Industrienationen in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre legte zwar den Grundstein für ein nachhaltigeres und fast gänzlich inflationsfreies Wirtschaftswachstum in den neunziger Jahren, bewirkte aber gegen Ende des Jahrzehnts eine Rezession, die auch die Entwicklungsländer erreichte. Zwischen 1973 und 1980 hatte sich das Bild der Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite weltweit gewandelt: 1. der aggregierte Leistungsbilanzüberschuss der ölexportierenden Länder erhöhte sich von US$ 7 Milliarden auf US$ 112 Milliarden; 2. der Bilanz der Industrienationen als Gruppe wandelte sich von einem US$ 10 Milliarden Überschuss zu einem US$ 44 Milliarden Defizit; und 3. die nicht ölexportierenden Entwicklungsländer sahen sich einem explodierenden Defizit von US$ 12 Milliarden auf US$ 80 Milliarden gegenüber (Boughton [2000]). Der IWF reagierte mit der Einrichtung einer temporären Öl-Fazilität für ölimportierende Länder, der allerdings wirksame Konditionen fehlten. Es waren vor allem die Geschäftsbanken, die das veränderte finanzielle Gleichgewicht zu spüren bekamen. Sie verzeichneten große Zuflüsse von Kapital von den neuen reichen ölexportierenden Staaten. Aufgrund der mangelnden Kreditnachfrage auf den eigenen Märkten wandten sich die Banken den Kreditmärkten in der Dritten Welt zu, um Abnahme für die überschüssigen Liquiditätsreserven zu finden. Zwischen 1977 und 1980 blähte sich die Nettoposition der internationalen Bankenkredite von US$ 68 Milliarden auf US$ 169 Milliarden auf, wovon US$ 49 Milliarden in nicht-ölexportierende Entwicklungsländer flossen. Zu spät setzte die Erkenntnis ein, dass viele der kreditnehmenden Länder nicht in der Lage sein würden, das Geld zurückzuzahlen, zumindest nicht, ohne schwierige und zeitaufwendige Reformen durchzuführen. Die Entwicklungsländer wurden Mitte der achtziger Jahre von einem massiven Rückgang der Preise für wichtige Primärgüter getroffen. Zum einen fiel der Ölpreis, was das Kräfteverhältnis zwischen OPEC und Industrienationen zugunsten letzerer veränderte. Zum anderen bewirkte beispielsweise ein Verfall des Kaffeepreises eine große finanzielle Misere in fast ganz Lateinamerika, in Ost- und Zentralafrika und Teilen Asiens. Der Verfall der Preise war nicht nur temporär und stellte den IWF vor die Herausforderung, die betroffenen Länder zu wesentlichen Strukturreformen zu bewegen sowie in großem Maßstab finanzielle Unterstützung von anderen Kreditgebern zu organisieren. Es war deutlich, dass ohne Reformen und zusätzliche Unterstützung die traditionellen makroökonomischen Anpassungsmaßnahmen nicht greifen würden (Boughton 2000: 15f.).

Strukturelle Rigiditäten

Die europäische und die US-amerikanische Wirtschaftspolitik sind von jeher von unterschiedlichen zugrundeliegenden Trends geprägt. Verfügen die USA über eine hohe Arbeitsmobilität, starke Kapitalmärkte und einen generell liberalen Ansatz bei der regulierenden Einflussnahme auf Märkte, so sind die europäischen Staaten mit geringer Arbeitsmobilität, schwächeren Kapitalmärkten und einem starken Interesse an sozialer Gleichheit und Stabilität ausgestattet. Grundsätzlich sind die europäischen Staaten mehr oder weniger bereit, für diese soziale Gleichheit und Stabilität mit geringerem wirtschaftlichen Wachstum zu bezahlen. In den späten achtziger Jahren wurde die Arbeitslosigkeit allerdings zu einem dominanten strukturellen Problem. Der Trade-Off zwischen Verteilungs- und Effizienzzielen wurde deshalb in Frage gestellt und viele europäische Staaten begannen damit, ihre Märkte stärker zu liberalisieren (Boughton 2000: 16).

In den Entwicklungsländern bezogen sich strukturelle Rigiditäten vor allem auf Korruption, auf große Einkommenskonzentrationen auf kleinen Teilen der Bevölkerung und auf schwache Politikentscheidungen bei Investitionen von zur Verfügung stehendem Kapital. Den so betroffenen Staaten wurden liberalisierende Politikempfehlungen von außen empfohlen, beziehungsweise als IWF-Konditionalität vorgeschrieben (Boughton 2000: 16f.).

Inflationsbekämpfung

In den achtziger Jahre gelang es endlich, die Preisentwicklung in den Industrienationen zu stabilisieren. Der Durchbruch in der Inflationsbekämpfung kam im Oktober 1979, als die USA ankündigten, ihre Geldpolitik neu zu strukturieren. Anstatt die Geldmengenentwicklung wie bisher über die kurzfristigen Zinssätze zu kontrollieren, entschloss sich die Federal Reserve für ein direktes Geldmengenziel. Durch diesen Politikwechsel gelang es, die Erwartungen an den Märkten zu ändern: 1983 war der Inflationsdruck in den USA und den anderen großen Industrienationen gebrochen (Boughton 2000: 10ff.).

Die Inflationsbekämpfung als dominantes wirtschaftspolitisches Ziel der industrialisierten Staaten führte in den frühen achtziger Jahren zu einer tiefen Rezession weltweit. Zum ersten Mal seit den dreißiger Jahren entschieden sich die reichsten Nationen (Japan gefolgt von Großbritannien, den USA, Deutschland und schließlich Frankreich) nicht mit kontrazyklischen Maßnahmen zu reagieren, sondern zur Erhaltung der Preisstabilität höhere Arbeitslosigkeit und einen Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums in Kauf zu nehmen.

Die Schuldenkrise

In den 1970er Jahren nahm die Verschuldung vieler Entwicklungsländer erheblich zu, so dass viele von ihnen nicht mehr in der Lage waren, ihren Schuldenverpflichtungen nachzukommen. Zwischen 1970 und 1985 haben sich die Schulden der Entwicklungsländer insgesamt mehr als verzehnfacht. Insbesondere in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre stieg die Verschuldung sprungartig an. Die Auslandverschuldung der Entwicklungsländer lag 1955 bei 7 Mrd. US Dollar und stieg 1970 auf 77 Mrd. US Dollar an. 1975 lag sie bereits bei 179 Mrd. US Dollar, und 1980 war sie auf 636 Mrd. US Dollar angestiegen (Gabler 1997: 336)

Die Verschuldungskrise begann 1982 mit der Zahlungsunfähigkeit Mexikos und griff auf zahlreiche weitere Entwicklungsländer über. Bei Ausbruch der Verschuldungskrise waren die Entwicklungsländer mit insgesamt 752 Milliarden US Dollar verschuldet. 1982 fielen auf Lateinamerika 55% der langfristigen Bankschulden, auf Asien 21%, auf Afrika südlich der Sahara 15% und auf Südeuropa und den Nahen und Mittleren Osten jeweils 12% (Boeckh 1993: 582).

Die Ursachen der Krise sind vielschichtig, und es besteht keine Einigung darüber, welche Faktoren primär für die Krise verantwortlich sind. Die internationale Schuldenkrise entstand durch eine Kombination von exogenen Schocks und endogenen Schwächen in Form wenig nachhaltiger Wirtschaftspolitiken. Zu den endogenen Schocks gehörte unter anderem die Ölpreisexplosionen in den Jahren 1973 und 1979. Mit dem Ende des anhaltenden Wirtschaftswachstums nach 1945 drängten große Mengen von Kapital aus den Industrieländern auf die internationalen Finanzmärkte. Dieser Anlagedruck wurde durch die Energiekrise und die sogenannten Petrodollars verstärkt. Das Recycling der Petrodollars führte zu einer Geldschwemme bei den Banken, die daher großzügige Kredite zu günstigen Konditionen an die Entwicklungsländer vergaben. Folglich stieg die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer kontinuierlich. Durch hohe Zinsen und scheinbar gutes Wirtschaftswachstum erschienen die Entwicklungsländer attraktive Anlagemärkte. Sobald die Investoren jedoch ihr Vertrauen in die Wirtschaften und Währungen der Entwicklungsländer verloren, kam es zu einem enormen Kapitalabfluss. Auch verloren die Entwicklungsländer den Zugang zum internationalen Finanzmarkt, beziehungsweise mussten hohe und kostentreibende Risikozuschläge tragen. Als weitere Ursache ist die restriktive Geldpolitik der Reagan-Administration zur Inflationsbekämpfung in den USA Anfang der 1980er Jahre und die daraus resultierende Steigung der Zinsen und Aufwertung des Dollars zu nennen. Beides führte zu einer steigenden Schuldenlast der hauptsächlich in Dollar verschuldeten Entwicklungsländer. Auch zu nennen ist die weltwirtschaftliche Rezession Anfang der 1980er Jahre, die zum einen die Nachfrage nach Rohstoffen drückte, wodurch sich die "Terms of Trade", insbesondere der von Rohstoffen abhängigen Länder, verschlechterten. Zum anderen führte die Rezession zu einer Abschottung der Märkte der Industrieländer gegenüber den Produkten der Entwicklungsländer - ein Phänomen, das als "New Protectionism" bezeichnet wird.

Zu den internen, endogenen Ursachen der Schuldenkrise gehörten wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen wie eine fehlende strukturelle Anpassung auf die sich wandelnden Rahmenbedingungen während der Ölkrise. Weiter spielte die unproduktive Verwendung der Auslandkredite, wie das Verschleudern von Staatsgeldern für Prestigeobjekte, durch einige Staatsoberhäupter eine zentrale Rolle: oftmals landeten Auslandskredite partiell oder vollständig auf den Auslandskonten der Herrscherelite. Zu den Ursachen der Schuldenkrise gehören auch die negativen Implikationen der "Import Substitution Industrialisation", also der starken Binnenmarktorientierung der meisten Entwicklungsländer. Letztlich sind politische Instabilität und eine schlechte Wirtschaftspolitik (hohe Haushaltsdefizite, hohe Inflation, zu geringe Sparquote, Preisverzerrungen, überbewertete Wechselkurse) als Krisenursache zu nennen.

Durch die Schuldenkrise waren die Entwicklungsländer nicht mehr in der Lage, massiv aufgenommene Schulden zurückzuzahlen. Zunächst blieben kommerzielle Bankkredite aus, und viele Staaten wandten sich auf der Suche nach Liquidität dem IWF zu. Dieser stützte sich in seiner Fallbehandlung auf Diagnosen, die die internen Krisenursachen in den Vordergrund stellten und empfahl als korrektive Maßnahme eine Nachfragedämpfung. Insgesamt empfahl der IWF den Abbau des Staatsdefizits und der Subventionen, eine Inflationsbekämpfung, Zinserhöhung, Abwertungen und Förderung der Exportproduktion.

Die Kredite des IWF waren jedoch verhältnismäßig klein und lösten das Verschuldungsproblem nicht. 1985 bemühte man sich durch den Baker-Plan, benannt nach dem damaligen US-amerikanischen Finanzminister, über die Fall zu Fall Behandlung des IWF hinauszugehen. Ziel war eine nachhaltige Schuldensenkung in reformbereiten Hochschuldländern durch vermehrte Bankkredite und ein intensiveres Schuldenmanagement durch die Weltbank. 15 wichtige Schuldnerländer sollten unter der Berücksichtigung strukturelle Reformen - durchgeführt unter der Aufsicht von IWF und Weltbank - neue private und öffentliche Finanzmittel erhalten. Die Banken reagierten jedoch zurückhaltend auf den Plan, so dass dieser nur partiell verwirklicht wurde.

Außer einigen asiatischen Staaten gelang eine exportorientierte Wachstumsstrategie zur Rückzahlung der Schulden nicht. Für den Großteil der Dritten Welt waren die achtziger Jahre ein verlorenes Jahrzehnt in bBezug auf wirtschaftliches Wachstum. 1988 taten sich mehrere Industrienationen im Pariser Club zusammen, um den Gegenwartswert der Schulden bestimmter armer Länder zu reduzieren. 1988 wurde das sogenannte Toronto-Menü verabschiedete. Dieses sollte insbesondere den afrikanischen Ländern zugute kommen, die trotz Anpassungsbemühungen immer noch Probleme hatten.

Ein weiterer Versuch zur Schuldenentlastung war der Brady-Plan von 1989. Hier wurde anerkannt, dass die Erholung der Ökonomien und das Wirtschaftswachstum in den betroffenen Ländern durch die hohe Schuldenbelastung verhindert werde. Eine nachhaltige Entwicklung sei nur möglich, wenn die Schulden erheblich reduziert werden. Grundvoraussetzung für die Schuldenreduzierung war wie schon beim Baker-Plan, dass die Schuldnerländer strukturelle Reformen durchführen beziehungsweise Reformbereitschaft zeigen. War dies der Fall, so sollte fallweise ein Entschuldungspaket geschnürt werden, wobei sich Banken zwischen verschiedenen Schulden- und Schuldendienstreduzierungen entscheiden konnten. Die Banken müssen somit einen Teil der Kosten der Schuldenreduzierung tragen: sie verzichten freiwillig auf einen Teil ihrer Forderungen bei gleichzeitiger Sicherung der verbleibenden Schulden durch internationale Organisationen. Ziel des Brady-Plans war die Wiederherstellung des Investorvertrauens und die Schaffung von Investitionsanreizen. Der Plan wurde bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank im April 1989 befürwortet. Seine Resultate unterscheiden sich von Land zu Land erheblich.

Das Krisenmanagement der Schuldenkrise wird oftmals als Misserfolg gewertet. So waren die meisten Strukturanpassungen für die von der Krise betroffenen Länder äußerst schmerzvoll, während die internationalen Verschuldungskrise nicht gelöst wurde. Der nachhaltige Misserfolg führte 1996 zu einer konzertierten Initiative von IWF und Weltbank, die einen multilateralen Schuldenerlass propagierte. Die HIPC Initiative (Heaviliy Indebted Poor Countries Initiative) hatte in den späten neunziger Jahren erste reale Erfolge (Boughton 2000: 15f.).

Der IWF verdankte der Schuldenkrise den Zurückgewinn an Bedeutung auf der internationalen Bühne (Boughton 2000: 23). Mit der Taktik der konzertierten Kreditvergabe (concerted lending) bestand der Fonds darauf, nur dann bedürftige Länder mit Krediten zu versorgen, wenn auch andere Kreditgeber garantierten, dass sie ebenfalls stärkere Unterstützung leisten wollten. Der IWF entwickelte so enge Beziehungen zu Geschäftsbanken und zur US-amerikanischen Regierung und war zwischen Mitte und Ende der achtziger Jahre maßgeblich am amerikanischen Baker- und Bradyplan zur Lösung der Schuldenkrise beteiligt.

Insgesamt bewegte sich der Fonds weg von einer Rolle als internationaler lender of last resort hin zu einem Kreditgeber, der versucht, die Nehmerländer aus wirtschaftlichen Talfahrten herauszuholen: der IWF begann, neben den wichtigen makroökonomischen Anpassungsforderungen in seiner Konditionalität auch strukturelle Reformen durchzusetzen. In den achtziger Jahren entstanden der relativ kleinen Organisation dabei allerdings Kapazitätsprobleme, weil sie durch die Schuldenkrise selbst in Liquiditätsengpässe geriet. 1980, 1983 und 1990 bat der Fonds die Mitgliedstaaten um eine Anhebung der Quoten und ging zusätzlich dazu über, von reichen Nationen zu leihen. Die finanzielle Situation des IWF geriet dadurch unter nicht unerheblichen Druck, der erst mit einem Abklingen der Schuldenkrise in den neunziger Jahren abgeschwächt werden konnte (Boughton 2000: 24).

Wirtschaftliches Wachstum in Asien und das Asiatische Wunder

Eine weitere wesentliche Tendenz der achtziger Jahre war die Entwicklung Südostasiens zu wirtschaftlicher Stärke. Japan begann 1980 mit der Liberalisierung seiner Märkte und der Öffnung der Volkswirtschaft nach außen. Bis Ende des Jahrzehnts hatte sich die Quote und das Stimmrecht des Landes beim IWF auf einen mit Deutschland geteilten zweiten Platz angepasst.

Neben Japan verzeichneten aber auch Korea, Taiwan, China, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Singapur ein wirtschaftliches Wachstum, das mit durchschnittlich über 7 % weit über dem der Industrienationen lag (Boughton 2000: 14). 1970-1979 hatte Taiwan ein durchschnittliches jährliches Wachstum des BIP von 10,2%, Südkorea von 9,3%, Malaysia von 8,0%, Thailand von 7,3% und Indonesien von 7,8%. Im Zeitraum von 1980-1989 lag das durchschnittliche jährliche Wachstum des BIP in Taiwan bei 8,1%, in Südkorea bei 8,0%, in Malaysia bei 5,1%, in Thailand bei 7,2% und in Indonesien bei 5,7%. Dabei waren die Inflationsraten in den 1980er Jahren relativ niedrig: Im Zeitraum von 1983-1989 verzeichnete Südkorea eine Inflation von 3,8%, Malaysia von 2,0%, Thailand von 3,1% und Indonesien von 8,1%. Die Sparquote war im gleichen Zeitraum relativ hoch: Im Zeitraum von 1983-1989 verzeichnete Südkorea eine Sparquote von 32,7%, Malaysia von 29,4%, Thailand 25,5% und Indonesien von 23,2%. Dahingegen waren die 1980er Jahre für Entwicklungsländer in Südamerika und Afrika das verlorene Jahrzehnt. So betrug das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum in Lateinamerika und Afrika südlich der Sahara im Zeitraum von 1980-1989 jeweils nur 1,7% (Singh 1999: 12-13).

Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze für das "Asian Miracle", das asiatische Wirtschaftswunder. Zu nennen sind hier unter anderem das Sicherheitsargument, das Kulturargument, das Argument des starken Staats und das "Asian Model" - Argument.

Dem Sicherheitsargument folgend wird argumentiert, dass Länder, deren Wirtschaften durch einen Krieg zerstört wurden, durch den Wiederaufbau eine Neustrukturierung und Modernisierung durchführen und somit wettbewerbsfähiger werden. So wird in wettbewerbsfähige und zukunftsorientierte Sektoren investiert, während das Wirtschaftswachstum in anderen Ländern durch alte verkrustete Strukturen gehemmt wird.

Weiter wird argumentiert, dass der Ost-West Konflikt die Mentalität und Ideologie in den asiatischen Länder geprägt hat: Länder, die konstanten Sicherheitsrisiken gegenüber stehen, werden sich um ein schnelles Wirtschaftswachstum zum Aufbau von Kapazitäten zur eigenen Verteidigung bemühen. Während diese Argumente sicherlich auf einige der asiatischen Schwellenländer zutreffen, ist es keine ausreichende Erklärung. So kam es in manchen Ländern zu keinem beeindruckenden Wirtschaftswachstum, obwohl sie einem konstanten Sicherheitsrisiko gegenüberstanden. Andere Länder erlebten wiederum hohe Wachstumsraten, obwohl sie kein erhebliches Sicherheitsrisiko hatten.

Ein weiteres Argument ist das Kulturargument: Hier wird argumentiert, dass alle asiatischen Länder von der konfuzianischen Arbeitmoral geprägt waren, die sich in langen Arbeitszeiten, kurzen Urlaubszeiten, hohen Sparquoten und einer Kooperation zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wie einem Konsensansatz in der Entscheidungsfindung widerspiegelt. Diese Arbeitsmoral hat zu dem massiv Wirtschaftswachstum geführt. Problematisch an dieser Erklärung ist sicherlich unter anderem, dass die Sparquote in historischer Perspektive nicht immer hoch war, sondern erst nach 1950 gestiegen ist. Sie kann also nicht als Beweis für eine historisch bedingte Arbeitsmoral angeführt werden. Auch kann argumentiert werden, dass die langen Arbeitszeiten weniger von den Arbeitern erwünscht, als von den Regierungen gefordert waren, die durch eine "von oben" gewählte Arbeitsideologie die Bevölkerung unterdrückten.

Die These vom "starken Staat" und der besonderen Unternehmensstruktur argumentiert, dass staatliche Intervention, Regulierung, Industriepolitik und strategische Handelspolitik die Ursachen für das Wirtschaftswachstum waren. Die Regierungen wählten die zukunftsträchtigen Sektoren aus, die durch den Staat subventioniert wurden. Grundlage war hier die Annahme, dass inländische und ausländische Firmen in einem Markt in oligopolistischem Wettbewerb miteinander stehen. Basierend auf der Erkenntnis, dass heute im wesentlichen nicht Erstausstattung der Ressourcen, sondern industriespezifische Faktoren und Größenvorteile die Richtung, das Niveau und die Struktur des internationalen Handels bestimmen, hat der Staat im Außenhandel eine neue Aufgabe. Er soll durch gezielte Maßnahmen die internationale Wettbewerbsfähigkeit spezieller Branchen fördern, was als Industriepolitik bezeichnet wird. Durch direkte Subventionen oder Steuererleichterungen sollen einzelne heimische Branchen Größenvorteile (internal economies of scale) und letztlich Wettbewerbsvorteile gegenüber ausländischen Produzenten erlangen. Ziel ist es, Marktanteile auf dem Weltmarkt zu gewinnen. Subventionen heimischer Anbieter sollen gleichsam potentielle Neuanbieter im Ausland abschrecken.

Auch sollen durch die Subvention bestimmter heimischer Unternehmen die sogenannten "external economies of scale" gefördert werden. So nimmt man an, dass es durch die Entwicklung neuer Technologien zu einem Technologietransfer kommt, von dem andere Industrien und Sektoren profitieren. Man sprich von sogenannten positiven "spill overs" (positive Externe Effekte). Es wird argumentiert, dass somit ein Land und seine Industrien insgesamt wettbewerbsfähiger werden könne.

Im Gegensatz zu anderen Entwicklungsländern in Latein Amerika oder Afrika schotteten sich die asiatischen Schwellenländer, die Tigerstaaten, weniger vom internationalen Markt ab und verfolgten keine Importsubstitutionsindustrialisierung. Vielmehr verfolgten sie eine export-orientierte Wachstumsstrategie. Wachstum sollte nicht durch die Förderung der Produktion von Gütern für den heimischen Markt erzielt werden, um von den Industrieländern unabhängig zu werden, sonder durch die Förderung der Produktion von Exportgütern. Weiter wurde eine staatliche Manipulation der Finanzsysteme zur Förderung der nationalen Entwicklungsstrategie durchgeführt: In Asien waren Banken und Regierung durch persönliche Verbindungen voneinander abhängig. Um die Entwicklungsstrategie der Regierung durchzuführen, mussten die Banken Kredite an bestimmte Unternehmen vergeben. Es bestand eine enge Kooperation zwischen den Banken und den Unternehmen. Als Gegenleistung gewährten die Währungshüter den Banken Garantien. So wurde das Kapital in die zukunftsträchtigen Sektoren gelenkt und führte somit zu dem beeindruckenden Wirtschaftswachstum.

Doch auch diese Erklärung ist problematisch. So wurden hauptsächlich große Unternehmen gefördert, das Wirtschaftswachstum speiste sich jedoch insbesondere aus der Entwicklung kleinerer Unternehmen. Auch zeigten sich recht schnell die Grenzen einer Industrie- und strategischen Handelspolitik: So ist nicht geklärt, ob die Regierung zuverlässige und bessere Informationen als der Privatsektor hat und die Bereiche auswählen kann, die förderungswürdig sind. Der Staat ist alles andere als frei von Interessenseinflüssen, so dass es schnell zur Wahl von ökonomisch weniger förderungswürdigen Bereichen kommen kann. Weiter ist ebenfalls nicht klar, ob die positiven "Spill-overs" groß genug sind, um eine staatliche Subvention zu legitimieren. Letztlich zeigte sich die Verflechtung von Regierungen, Banken und Unternehmen als Fehlentscheidung, die in erheblichen Maße zur Asienkrise beigetragen hat. Das System, das in Folge der Asienkrise als "Crony Capitalism" bezeichnet wurde, führte dazu, dass den Banken durch die Regierung unrentable Kredite aufgebürdet wurden. Die als Gegenleistung gewährten impliziten Garantien führten wiederum dazu, dass die ausländischen Anleger das bestehende Anlagerisiko als zu niedrig einschätzten. Es kam zu massiven Kapitalzuflüssen und zu einer Investitionsblase. Sobald deutlich wurde, dass die Länder strukturelle und institutionelle Probleme hatten, kam es zu einer massiven Kapitalflucht, die die betroffenen Länder in eine tiefe Krise stürzte.

Die "Asian Model" These, die eng mit der These des starken Staates verbunden ist,argumentiert schließlich, dass das besondere Wirtschaftsmodell Asiens eine grundlegende Ursache des Wirtschaftswachstums war. Zu den unterschiedlichen Facetten des Modells gehören:

Viele der Kritikpunkte der These des "starken Staates" und des Kulturarguments treffen auch auf die These des "Asian Modells", als einzigartiges Wirtschaftsprogramm, zu. Kritiker dieser Erklärungen argumentieren, dass sich das beeindruckende Wirtschaftswachstum maßgeblich aus dem Aufholungsprozess ergeben habe: junge sich entwickelnde Ökonomien wachsen schneller als alte Volkswirtschaften. Weiter wird argumentiert, dass sich das Wirtschaftswachstum grundlegend aus den steigenden Inputraten ergab - getragen von dem hohen Angebot an Arbeitskräften und Kapital durch die hohen Sparquoten - während keine besonders beeindruckende Outputsteigerung stattfand.

In den 1980er Jahren wurde von Wissenschaftlern wie dem Yaleprofessor Paul Kennedy, Analytikern und Politikern gleichermaßen vorhergesagt, dass die USA ihre Hegemonialmacht an Japan verlieren würden. Die USA zeichneten sich durch ein hohes Haushalts- und Handelsdefizit, langsames Wirtschafswachstum, niedrige Investitionsrate und niedrige Sparquote aus, während Japan einen beträchtlichen Handelsüberschuss mit den USA hatte. Die Entwicklung in den USA sah besonders im Vergleich mit der positiven Entwicklung in Asien sehr schlecht aus. Heute ist klar, dass die Vorhersage des pazifischen Jahrhunderts und Japan als neue Hegemonialmacht bislang unbegründet waren: Japans langjährige Wirtschaftsprobleme, langsames Wachstum, die schwindende Rolle des Yen in den internationalen Finanzbeziehungen, die strukturellen und institutionellen Probleme und die Asienkrise als auch das enorme Wirtschaftswachstum in den USA in den 1990er Jahren haben gezeigt, dass sich die Vorhersagen des amerikanischen "Hegemonic Decline" und des japanischen Aufstiegs zum neuen Hegemon bislang nicht erfüllt haben.

Verantwortlich für die Überbewertung der Entwicklung Asiens in den 1980er Jahren waren sicherlich die wirtschaftlichen Probleme in den USA und die guten wirtschaftlichen Eckdaten in den asiatischen Ländern in den 1980er Jahren, während man strukturelle und institutionelle Erwägungen, wie die Stabilität des Bankensektors, nicht in die Analysen mit einbezog. Hätte man diese in die Analyse einbezogen, hätte man recht schnell die grundlegenden asiatischen Schwächen, die letztlich auch zur Asienkrise geführt haben, erkennen müssen. Man glaubte jedoch an das "Asian Model" und die neue Wirtschaftsstrategie und ihre Erfolge. Weiter wurde die Exportschwäche der USA überbewertet. So lag eine wesentliche Ursache für die Exportschwäche grundlegend in dem sehr starken Dollar und nicht nur in strukturellen Problemen. Auch achtete man in den Analysen zu wenig auf ausländische Direktinvestitionen (FDI) und den Handel von Dienstleistungen - beides Bereiche in denen die USA auch in den 1980er Jahren ihre dominierende Position nicht verloren hatten. Weiter wurde in den Analysen kaum berücksichtigt, dass die asiatischen Ländern in erheblichem Maße von ihren Exporten und Exportmärkten, darunter besonders der amerikanische Markt, abhängig waren. Dies zeigte sich auch in der Asienkrise: der Erholungsprozess der von der Krise betroffenen Länder wurde grundlegend vom starken US-amerikanischen Wachstum, der amerikanischen Nachfrage und den steigenden US-amerikanischen Importen getragen.

Eine weitere Ursache für die Überbewertung des Hegemonialverlusts der USA war der Glaube, dass die USA allmählich nicht nur ihre wirtschaftliche, sondern auch ihre militärische Stärke einbüßten - eine aus der heutigen Sicht unbegründete Vermutung. Letztlich wurde in die Analyse nicht der Einfluss Japans und der USA auf internationale Organisationen und internationale Entscheidungsprozesse einbezogen. So waren die USA sowohl im IWF, der Weltbank, der WTO und bei internationalen Verhandlungen über den Wechselkurs weiterhin dominierend.

Die stille Revolution

Ein neues volkswirtschaftliches Paradigma sollte den Charakter der Weltwirtschaft in den achtziger Jahren erheblich verändern: die neoklassische Revolution (Boughton 2000: 13). Die zugrundeliegende neue Idee war, dass die makroökonomische Performance einer Volkswirtschaft vom Verhalten eines allwissenden repräsentativen Agenten mit perfekter Voraussicht aller relevanten Daten abhängt, der allein durch Budget und Technologie restringiert ist.

Die herkömmlichen, auf Keynes beruhenden, Wirkungsweisen von Geld- und Fiskalpolitik wurden stark angezweifelt, und unter dem Label new supply side economics wurde eine Schule prominent, die für niedrige Steuern und einen kleinen Staat eintrat, was dem privaten Sektor neuen Aktivitätsspielraum einräumen sollte, um so die wirtschaftliche Aktivität anzukurbeln. Theoretische Bausteine waren zum Beispiel die Laffer Kurve oder das Ricardianische Äquivalenztheorem. Prominenten Ausdruck fand die neue Schule in der Wirtschaftspolitik Ronald Reagans.

Das neue volkswirtschaftliche Paradigma bewirkte in vielen Ländern die Einführung strukturverändernder Politikprogramme, die die Förderung des privaten Sektors und die Öffnung von Märkten beinhalteten. Der Abbau von Handelsbarrieren und Kapitalverkehrskontrollen, sowie Reformen zur Unterstützung privater Firmen in den Industrienationen und vielen Entwicklungsländern führten dazu, dass in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre das internationale Handelsvolumen doppelt so schnell wuchs wie der weltweite Output. Michel Camdessus benannte diesen internationalen Politikwandel als die stille Revolution der achtziger Jahre: "The need is for stronger policies and not for complacent gradualism in adjustment efforts [...] several counries are choosing to go this way - a painful decision in many cases - because it offers them a prospect of achieving sustainable growth. This silent revolution in attitudes in many developing countries [...] is now showing itself in the number of countries that have requested Fund help in formulating their growth-oriented adjustment programs." (Boughton 2000: 1).

Der im folgenden beschriebene Washington Consensus, der die Arbeit des IWF in den neunziger Jahren prägen sollte, basiert auf den Überzeugungen dieser stillen Revolution.



Fortsetzung: Der Internationale Währungsfonds und die Entwicklung der internationalen Finanzbeziehungen von 1945-2000


bookmarken bei...

Mister Wong del.icio.us Facebook Furl YiGG Yahoo MyWeb Diigo Folkd StumbleUpon Google Technorati

Sachgebiete

Lektüre

Jahrbuch Internationale Politik: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik
von Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider, Klaus Werner Schatz (Hrsg.)

Veröffentlicht am 2. Juni 2008

Das neu konzipierte Standardwerk der internationalen Politik bietet eine systematisch-vergleichende Analyse eines aktuellen Themas: Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik. Autorinnen und Autoren sind renommierte deutsche Experten sowie maßgebliche Repräsentanten der operativen Politik, des Bundeskanzleramts, des Bundestags und von Bundesministerien. Neben der wechselseitigen Politikberatung leistet das Jahrbuch – in Zusammenarbeit mit den Medien und anderen Multiplikatoren – auch Öffentlichkeitsberatung.

Weitere Informationen auf der Webseite der DGAP

Home | Newsletter | Suche | Impressum | Datenschutz | DGAP | RSS

Regionen

Service

Locations of visitors to this page

anzeige