Jörn Richert
Seit Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung hat sich das System internationaler Beziehungen drastisch verändert. Anfänglich durch die Dominanz der Vereinigten Staaten geprägt, beginnt sich das Bild der internationalen Beziehungen in Richtung eines multipolaren Systems zu entwickeln. Eine besondere Rolle spielt der Zuwachs an wirtschaftlicher Macht ehemaliger Entwicklungs- und Schwellenländer, besonders in Asien. Eine Vielzahl neuer Variablen muss bei der Betrachtung dieser neuen Situation beachtet werden: Neue nationale, transnationale und supranationale Akteure sind auf das Feld internationaler Politik (IP) getreten und neue Probleme, zum Beispiel organisierte Kriminalität, Terrorismus und globale Umweltprobleme verlangen nach angemessenen Lösungen.
Diese ungekannte Komplexität hat zur Entwicklung neuer Handlungsstrategien geführt. Verstärkte Formen regionaler Kooperation stellen eine solche Strategie dar und manifestieren sich in der Vertiefung der europäischen Integration und der Gründung zahlreicher neuer regionaler Organisationen (z.B. NAFTA (1994), MERCOSUR (1991), AU (2002)). Mit der Verdichtung regionaler Einheiten entsteht ein weiteres Feld der Interaktion: Die sogenannten interregionalen bzw. transregionalen Beziehungen. Grade die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung Asiens spiegelt sich dabei in entsprechenden Formen der Kooperation Asiens mit anderen Weltregionen wieder. Auch wenn der erste Versuch einer solchen Kooperation (EU-ASEAN Kooperation) schon Mitte der 1970er Jahre zustande kam, gewannen die Bemühungen zum Aufbau von Institutionen bzw. Dialogen zwischen regionalen Blöcken erst in den 1990er Jahren zunehmend an Bedeutung.
Dieser Text wird versuchen, sich dem Gebiet der transregionalen Beziehungen aus Sicht der internationalen Politik zu nähern. In diesem Sinne sollen die großen Theorien der IP – Realismus, Liberalismus, Konstruktivismus – auf ihre Anwendbarkeit in Bezug auf transregionale Beziehungen überprüft werden. Entsprechend der beobachtbaren Tendenzen in der politischen und besonders wirtschaftlichen Machtverteilung sollen hier die Asia-PacificEconomicCooperation (APEC) und das Asia-Europe Meeting (ASEM) vergleichend untersucht werden. Diese Dialoge spiegeln jeweils neue Kooperationen Asiens mit Europa bzw. Nordamerika wieder. Drei Fragen sind von Interesse: „Welches Interesse verfolgten die Akteure bei Gründung der Kooperationen?“, „Wie wirksam sind die Kooperationen im Hinblick auf die Erfüllung dieser Interessen?“ und, „Inwieweit beeinflussen die Kooperationen das Verhalten der Akteure, bzw. wirken auf diese zurück?“
“Since we are considering transregional relations as largely equivalent to world politics itself“ [1], scheint es abgebracht, bei der Untersuchung der Dialoge auf die gängigen Theorien der IP als theoretischen Rahmen zurückzugreifen. Diese werden hier kurz vorgestellt:
Der Realismus betrachtet das System internationaler Beziehungen als anarchisch. Es ist durch die Abwesenheit jeglicher Art verbindlicher Normen gekennzeichnet, die Akteursverhalten reglementieren oder deren Existenz schützen könnten. Das Interesse des Staates liegt vornehmlich in der Selbsterhaltung. Bei strategischem Handeln auf internationaler Ebene steht deshalb die eigenen Sicherheit und damit der Kampf um Macht zum Erhalt derselben im Mittelpunkt. Internationale Institutionen existieren nur als Mittel zum Zweck der Erreichung eigener Ziele und erhalten deshalb nur solange Unterstützung, wie sie sich dazu nützlich erweisen.
Wie der Realismus geht der Liberalismus von einem anarchischem Staatensystem aus. Die Anarchie wird jedoch durch Interdependenzen (besonders wirtschaftlicher Art) gemindert, da diese das Kosten-Nutzen-Kalkül der Akteure beeinflussen. Da im Liberalismus das Interesse des Staates nicht durch äußere Zwänge, sondern maßgeblich durch die Gesellschaften bestimmt wird, reflektiert staatliches Verhalten deren Wunsch nach Wohlfahrtsmehrung. Diese soll durch die politische Flankierung bestehender und die Schaffung neuer wirtschaftlicher Interdependenzen erreicht werden.
Aus der konstruktivistischen Perspektive der IP muss das internationale System nicht zwangsweise anarchisch gestaltet sein – es kann sich verändern. Der Grundgedanke des Konstruktivismus besteht darin, dass einmal etablierte Institutionen mit all ihren Regeln und Normen eine Rückwirkung auf die Akteure selbst entfachen. Durch Lernprozesse internalisieren die Akteure externe Normen und verändern dadurch ihre Wahrnehmung sowie ihre Interessen und es kommt zur Herausbildung neuer, gemeinsamer Identitäten. Diese wirken sich wiederum die Handlungen auf internationaler Ebene aus. Beachtenswert hierbei ist, dass der Konstruktivismus bei der Bewertung von Ergebnissen eine langfristigere Perspektive einnimmt, während realistische und liberale sich hauptsächlich auf kurz- bzw. mittelfristige Ereignisse beschränken.
Sowohl die APEC als auch das ASEM veranschlagen für sich, einen Großteil der weltweiten Wirtschaftsleistung zu erbringen. Da sich einerseits die Mitgliedschaften der beiden Institutionen überschneiden und andererseits jeweils zwei der drei größte Wirtschaftsregionen der Welt an den Dialogen teilnehmen, werden beide Organisationen diesem Anspruch gerecht.
Im Falle von ASEM zählen die EU-25 und ASEAN+3 zu den Teilnehmern. Auf dem sechsten ASEM Gipfel von Helsinki im September 2006 wurde diese Gruppe wiederum um Bulgarien und Rumänien auf europäischer Seite und Indien, die Mongolei und Pakistan auf asiatischer Seite erweitert. Insgesamt besteht das ASEM damit aus 43 Staaten sowie dem EU Kommissionspräsidenten. APEC besteht ausschließlich aus Pazifik-Anrainerstaaten: Dazu gehören die Staaten der NAFTA (USA, Kanada, Mexiko), Australien, Neuseeland, die südamerikanischen Staaten Chile, Peru, die süd-ostasiatischen Staaten Brunei, Indonesien, Malaysia, Papua Neuguinea, die Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam, sowie Japan, Korea, die drei Chinas (Volksrepublik, Taiwan unter dem Namen chinesisches Taipeh, Hongkong) und Russland.
Der Teilnehmerkreis der beider Dialoge ist sehr heterogen. Dies gilt für politische, kulturelle als auch für wirtschaftliche Belange. „From an institutional standpoint, Asian preferences for consensus and evolution often contrast with the Western orientation towards formal contracts and negotiations.“[2]Auf wirtschaftlicher Ebene stehen sich „neoliberale“ und wohlfahrtsstaatliche Modelle im angelsächsischen Raum bzw. Kontinentaleuropa auf der einen und eine Kombination aus Liberalismus, Protektionismus und einer konstitutiven Rolle des Staates auf der anderen, ostasiatischen Seite gegenüber.
Die Unterschiede auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Entwicklung und damit auch der politischen Einflussmacht betreffen die beiden Prozesse mit unterschiedlicher Intensität: Der ASEM Prozess ist zwar bipolar organisiert, die beiden Seiten bestehen jedoch aus eigenständigen Akteuren, die nationalen Interessen folgen. Die Gefahr der Dominanz einer vollständig integriert handelnden EU ist aufgrund divergierender nationaler Interessen in Europa nicht zu erwarten. Andererseits könnte die zukünftig bessere Koordinierung europäischer Politiken durch die EU durchaus dafür sorgen, die sich heraus kristallisierende Dominanz Chinas in Asien im Dialog der beiden Regionen auszugleichen. Bezüglich der Regionen als Ganzes herrscht daher eine annähernde Symmetrie, weshalb die Bedeutung von Machtrelationen zwar nicht irrelevant, aber beschränkt ist.[3] Nordamerika muss aufgrund der hegemonialen Stellung der USA als handlungsfähigste der drei Regionen bezeichnet werden. Die APEC wird daher „durch das enorme Gewicht der USA ... überschattet und geprägt.“[4]
Der wichtigste Faktor einer zukünftigen Beurteilung der Akteursstrukturen wird die Entwicklung auf dem asiatischen Kontinent darstellen: Der ostasiatische Raum ist im Vergleich zur Nordamerika und der EU kulturell, politisch, sozial und wirtschaftlich wesentlich vielschichtiger. Es bleibt abzuwarten, wie sich der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, dessen Verhältnis zur Wirtschaftsmacht Japan und die Präsenz jeweils einer dritten regionalen Großmacht (Indien beim ASEM und Russland in der APEC) auf die Koordination auswirken wird.
In beiden Prozessen nehmen neben staatlichen auch gesellschaftliche Akteure Teil. Aufgrund wesentlich fortgeschrittenerer zivilgesellschaftlichen Verbindungen in der APEC, konnte diese auf schon bestehenden Kontakten aufbauen. Das Fehlen entsprechender Kontakte zwischen Europa und Asien erklärt die wesentlich explizitere Einbeziehung entsprechender Maßnahmen in die offizielle Struktur des ASEM (s.u.). Besonders wirtschaftliche Akteure finden Beachtung. Verbindungen bestehen ebenfalls im Gebiet universitärerer Netzwerke und, im Fall von ASEM, durch konkrete „people-2-people“-Programme.
Bei der Etablierung beider Dialoge wurde versucht, die Institutionalisierung möglichst gering zu halten. Besonders für APEC galt dabei die Bürokratie der europäischen Integration als Negativbeispiel. Als Leitidee des Aufbaus diente der sogenannte „Asian Way“ [5]. Gegenseitiger Respekt, Gleichwertigkeit der Akteure und eine konsensuale, informelle und unverbindliche Entscheidungsfindung stehen dabei im Mittelpunkt. Auch wird jegliche Form der Supranationalität und potentieller Gefährdung der staatlichen Souveränität abgelehnt. Die daraus resultierende staatszentriert Organisationsform bindet dabei das „agenda-setting“ größtenteils an die Nationalstaaten.[6]
Die APEC-Kooperation beschränkt sich offiziell nur auf wirtschaftliche Belange. Sie ist dabei in drei Pfeiler gegliedert: Handels- und Investitionsliberalisierung, ökonomische und technische Hilfe (ECO-TECH) und Geschäftserleichterungen. Die Agenda des ASEM Prozesses reicht hingegen weiter: Neben einer wirtschaftlichen Säule (Säule II) zählen ebenfalls der politische Dialog (Säule I), sowie kultureller Austausch und Verständigung (Säule III) zu den Aufgabenfeldern.
Das oberste Gremium beider Prozesse sind Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. Diese finden im Falle von APEC jährlich, im Rahmen des ASEM alle zwei Jahre statt. Sie werden in beiden Fällen durch sogenannte Senior Official Meetings (SOMs) und im Falle von ASEM durch zusätzliche Treffen der Außenminister vorbereitet. Des weiteren finden regelmäßige Treffen der Minister in den Gebieten Wirtschaft, Handel, Finanzen, Transport, Umwelt, Technologie und Wissenschaft statt, die wiederum durch SOMs (ASEM) bzw. spezielle Arbeitsgruppen (APEC) vorbereitet werden. Zur Ausführung von Beschlüssen stehen ASEM als auch APEC zahlreiche weitere Arbeitsgruppen und Foren zur Verfügung.
Neben dieser sehr ähnlichen Struktur ist ein Unterschied zu nennen: Die APEC besitzt mit ihrem Sekretariat in Singapur eine, wenn auch sehr geringe, strukturelle Eigenständigkeit. Mit einem Jahresbudget von ca. 4 Millionen Dollar und ca. 50 Angestellten kann es dem Koordinationsbedarf der APEC kaum gerecht werden, stellt aber eine permanente Institution dar, die auf dieser Ebene im ASEM Prozess nicht existiert. Auf dem Gipfel von Helsinki 2006 wurde auch im Rahmen des ASEM die Einrichtung eines Sekretariats beschlossen. Dieses soll jedoch lediglich in virtueller Form (verstärkter E-Mail Kontakt zwischen Koordinatoren) betrieben werden. Das ASEM bleibt damit komplett an die Akteure gebunden und wird keine eigenständigen Ressourcen besitzen.
Geringe Institutionalisierung war zwar eines der Ziele bei Gründung der Dialoge, führt aber im alltäglichen Geschäft zu Koordinationsproblemen. Trotz der oft verdienstvollen Aktivitäten der Arbeitsgruppen, kann man bei ihrer Ausrichtung und Tätigkeit keine strategische Fokussierung erkennen. Es kommt zu zahlreichen Duplikationen, Überlappungen und paradoxerweise zu einer Überbürokratisierung auf der Ebene der Arbeitsgruppen[7]- oder um mit Bezug auf ASEM mit den Worten Hanns Maulls zu sprechen: „So blühen im ASEM- Kontext viele bunte Blumen, oft allerdings auch nur wenige Tage oder Stunden.“[8]
Es kann festgehalten werden, dass beide Prozesse auf den Prinzipien des „Asian Way“ beruhen. Trotz erster Institutionalisierungsansätze bei APEC sind beide Prozesse als unterinstitutionalisiert anzusehen. Es muss jedoch beachtet werden, dass sie explizit als Beginn einer evolutionären Entwicklung der Beziehung zwischen den Regionen angedacht waren und keine sofortige Institutionalisierung derselben darstellen sollten. Beide Dialoge können als weiche (also wenig institutionalisierte) und des weiteren offene (also potentiell anderen Akteuren offen stehende) Form der Regionalisierung interpretiert werden.
Die ausgeglichenere Akteursstruktur führt dazu, dass der ASEM Dialog nicht im gleichen Maße wie die APEC von ideologischen Konflikten gelähmt wird.[9] In beiden Fällen bleibt jedoch abzuwarten, wie sich der Aufstieg Chinas (bzw. bei ASEM auch Indiens) und anderer Regionalmächte auf die Kooperation auswirken wird.
Bezüglich der offiziellen Agenda weist ASEM im Vergleich mit APEC eine wesentlich größere Vielschichtigkeit auf. Neben der expliziten Erwähnung des politischen Dialogs ist hier besonders die dritte Säule der ASEM-Struktur zu bemerken.
Zur konzeptionellen Einordnung bietet Hanns Maull die Unterscheidung in uniformellen (APEC) und biformellen (ASEM) Multilateralismus an.[10] Bei APEC wird dabei die Selbstwahrnehmung als eine uniforme pazifische Region hervorgehoben. Im ASEM hingegen wird die Heterogenität der Akteure akzeptiert. Es versteht sich als Kooperation zweier unterschiedlicher Regionen, ist daher biformell. Jürgen Rüland wiederum unterscheidet zwischen bilateralem Interregionalismus, in dessen Rahmen zwei regionale Gruppen aufeinander treffen und transregionalem Interregionalismus. Letzterer ist durch eine diffusere Mitgliedschaft gekennzeichnet, die sich nicht notwendiger Weise auf nur zwei Regionen beschränken muss. Auch müssen die Regionen an sich nicht zwangsweise als integrierte Akteure auftreten.[11] Rüland nennt die EU-ASEAN und die EU-Mercosur Initiativen als Ausprägungen des bilateralen Interregionalismus. ASEM und APEC ordnet er in die Kategorie des transregionalen Interregionalismus ein. Diese sehr nützliche Unterscheidung soll hier durch das Argument Maulls ergänzt werden: Demnach würde ASEM eine Form des biformellen transregionalen Interregionalismus darstellen. APEC hingegen wäre ebenfalls eine Form des transregionalen Interregionalismus, jedoch uniformell. Dieser Zusatz spiegelt das Selbstverständnis der Organisation wieder, eine Region zu repräsentieren. Da die Wahrnehmung als eine einzige Region bei näherer Betrachtung sehr schnell an ihre Grenzen stößt, soll die Unterscheidung zwischen uni- und biformell nicht als Beschreibung realer Sachverhalte, sondern lediglich im Sinne der institutionellen Gegebenheiten verstanden werden.
APEC, obwohl schon 1989 auf australische Initiative ins Leben gerufen, kam erst 1993 auf dem Gipfel von Seattle wirklich in Gange. Grund dafür war die erstmalige Teilnahme der Staats- und Regierungschefs auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Das erste ASEM fand einige Jahre später 1996 in Bangkok statt. Es ging auf eine Initiative des Premierministers Singapurs, Goh Chok Tong, von 1994 zurück. Auf Seiten der EU, die im gleichen Jahre eine Neuformulierung ihrer Asienstrategien vorgenommen hatte („Towards a New Asia Strategy“) stieß er damit auf offene Türen. Wie erklärt sich nun die Entstehung der Prozesse aus der Perspektive der Theorien der IP?
Realismus: Der eigentliche Anstoß zur Gründung der APEC durch Australien kann als eine Defensivreaktion interpretiert werden. Aus Furcht vor einer fortschreitenden Integration Europas (EU) und Nordamerikas (NAFTA) und der daraus möglicherweise resultierenden Ausgrenzung begab sich Australien auf die Suche nach neuen außenpolitischen Partnern.
Die 1993 von den USA gestartete Initiative zur Aufwertung der APEC-Beziehungen kann auf das Interesse zurückgeführt werden, den schon bestehenden Einfluss im Asien-Pazifikraum zu untermauern. Das weitgehende wirtschaftliche wie militärische Engagement sollte in ein kooperatives Gewand gekleidet werden, um aufkeimendem Ressentiment in Asien entgegenzuwirken. Auf wirtschaftlicher Basis sollte dies besonders durch eine Marktliberalisierung und die dadurch verbesserte Marktposition überlegener amerikanischer Unternehmen geschehen. Des Weiteren sollte durch eine Kooperation mit allen wichtigen ostasiatischen Akteuren die Gefahr des Entstehens einer japanischen Dominanz über den ostasiatischen Raum gemindert werden. Genau dieses Ziel konnte Japan bei den eigenen Erwägungen wohl zurecht unterstellt werden. Motivation war dabei die Verringerung der Abhängigkeit gegenüber den USA.
Die USA wie Japan sahen sich darüber hinaus mit der Gefahr einer regionalen und ausgrenzenden wirtschaftlichen Integration innerhalb der ASEAN konfrontiert. Die Betonung einer größeren asiatisch-pazifischen Gemeinschaft kann daher als Strategie der Verhinderung einer süd-ostasiatischen Integration und von Gegenmachtbildung verstanden werden. Dementsprechend wurde der Präsenz einer integriert handelnden ASEAN in der APEC erfolgreich entgegen gewirkt. Vielmehr treten die ASEAN-Staaten als eigenständige Akteure auf.
Im Gegensatz zu den USA und Japan waren die übrigen Großmächte der Region nicht in der Lage, zur Zeit der APEC-Gründung einen aktiven Part in der Gestaltung der asiatisch-pazifischen Beziehungen einzunehmen: Das heutige Russland befand sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer Phase der Re-Orientierung und wurde erst 1998 in die APEC aufgenommen. China wiederum war nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 außenpolitisch stark geschwächt. Die Teilnahme an der APEC kam daher als Schritt zurück auf die internationale Bühne sehr gelegen. Diese außenpolitische Schwächung Chinas war bei der Gründung des ASEM im Jahre 1996 nicht mehr im gleichen Maße ausschlaggebend. In dessen Rahmen kann am ehesten der Wunsch nach einer Multipolarisierung der politischen und wirtschaftlichen Weltordnung und damit eine Relativierung amerikanischen Einflusses als Motivation genannt werden. Ein Zeichen dafür, dass die Brisanz der politischen Isolierung für China nachließ ist dessen Weigerung, Repräsentanten Hongkongs oder Taiwans auch zum ASEM zuzulassen, wie es noch bei Gründung der APEC der Fall gewesen war. Weiter bot besonders das ASEM durch die Koordination der regionalen Positionen einen Weg, den eigenen Führungsanspruch im ostasiatischen Raum geltend zu machen.
Die Position der kleineren Staaten Ostasiens war durch eine zwiespältige Situation geprägt: Trotz des ungeliebten westlichen (amerikanischen) Einflusses zielten rationale Überlegungen im Rahmen der Schaffung der APEC auf einen Verbleib der starken amerikanischen Stellung in Ostasien ab. Nur durch deren starke wirtschaftliche und militärische Präsenz war es möglich, das Aufflammen neuer regionaler Konflikte zu verhindern. Doch gerade die wirtschaftliche Übermacht der USA beinhaltete aufgrund des Fehlens einer gebündelten Wirtschafts- und Handelspolitik nach europäischem Beispiel die Gefahr der Fremdbestimmung. Die APEC bot die Gelegenheit, den amerikanischen Einfluss in ein kooperatives Regime einzubinden. Um die einerseits notwendige, andererseits kritisch betrachtete Machtstellung der USA in Ostasien auszugleichen, sahen die ostasiatischen Staaten in der Gründung des ASEM ein Ausweg: Die stärkere Präsenz der EU in der eigenen Region sollte einen machtpolitischen Ausgleich und eine Diversifizierung außenpolitischer Optionen herbeiführen. Von der Kooperation im ASEM und besonders durch die Bündelung der Handlungsmacht der ASEAN und Chinas erhofften sich die Staaten darüber hinausgehend eine Verbesserung der Verhandlungsposition gegenüber Europa.
In Europa stieß die Gründung der APEC anfangs auf vollkommenes Desinteresse. Doch deren sprunghafte Entwicklung ab 1993 weckte Sorgen über die geo-ökonomische Marginalisierung in einer transpazifisch dominierten Weltwirtschaft. Die Gründung des ASEM stellt demnach den Versuch dar, den Einfluss der USA in Ostasien und im globalen Kontext zu relativieren – oder um mit den Worten Hadi Soesastros zu sprechen: „In ASEM, the US is the ‚ghost at the party’”[12]. Weiter spielt im Rahmen beider Prozesse das Argument der Einbindung asiatischer Großmächte in kooperative Strukturen eine Rolle. Neben der Einbindung Japans gilt dies besonders in Bezug auf die Kooperation mit China als neu aufkommender außenpolitischer Akteur und potentielle Weltmacht. Dies war wiederum für dessen kleinere Nachbarstaaten besonders wichtig
Insgesamt erzeugt diese Betrachtung ein tripolares Bild des internationalen Systems, dessen Beziehungen und Kooperationsbestrebungen sich mit dem Argument der Macht- und Gegenmachtbildung erklären lassen. Dabei regte die Integration Europas die Gründung der APEC, diese wiederum diejenige des ASEM an.
Liberalismus: Laut Hanns Maull ist diese realistische Interpretation „nicht völlig falsch, aber irreführend“, da deren Ziel darin bestehe, schon existierendes „weltwirtschaftliches Regelwerk zu erhalten und fortzuentwickeln, also tendenziell Machtbeziehungen durch Rechtsbeziehungen zu ersetzen.“[13] Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit verbundenen Wegfall des unumstrittenen Primus sicherheitspolitischer Fragen außenpolitischen Handelns, erfuhr dessen wirtschaftliche Komponente eine bis dato unbekannte Prominenz. Besonders für die USA ergab dies Möglichkeiten, eine schon lange erwünschte wirtschaftliche Kooperation mit Ostasien einzugehen. Die Gründungszeit der APEC und des ASEM wurde weiterhin maßgeblich durch den Wirtschaftsboom in Ostasien gekennzeichnet. Die aus diesen beiden Fakten resultierende Veränderung weltwirtschaftlicher Verhältnisse bedurfte einer politischen Reaktion. Grade aus Sicht der boomenden asiatischen Volkswirtschaften war der Zugang zu den europäischen und nordamerikanischen Märkten enorm wichtig. Dieser sollte durch die Kooperation in APEC und ASEM gesichert, wenn nicht gar erleichtert werden. Ebenso war der Transfer von Technologie aus den höher entwickelten Ländern Nordamerikas und Europas ein wichtiger Baustein zur eigenen Wettbewerbsfähigkeit und damit zu nationalem Wohlstand. APEC und ASEM sollten diesen gewährleisten. Beide Dialoge dienen demnach der politischen Flankierung und dem Ausbau bestehender Interdependenzen. Besonders für APEC fällt dabei das Argument der Flankierung ins Gewicht. Schon erwähnte gesellschaftliche Kontakte bildeten dessen Grundlage. Die Gründung der APEC ist als bottom-up Prozess zu verstehen. Das Fehlen entsprechender Kontakte lässt dem hingegen ASEM als top-down Prozess erscheinen. Es ist zu erkennen: „Indeed, the formation of APEC and ASEM is a manifestation of Asia’s rise to economic prominence and international recognition”[14], wenn auch in der Betrachtung wirtschaftsbezogener Impulse eine realistische Argumentation mitklingt.
Konstruktivismus: Handlungsimpulse aus einer konstruktivistischen Perspektive erscheinen aufgrund ihrer geringeren Output- und stärkeren Prozessorientierung im Vergleich zu liberalen und realistischen Motivationen generell eher unkonkret. Im Falle von ASEM können konstruktivistische Überlegungen jedoch durchaus als Impulse der Gründung bezeichnet werden. Die Organisation als Dialog zwischen Regionen und die Koordinierung der jeweiligen Positionen soll dabei die Identität innerhalb der eigenen Gruppe ausbilden. Des weiteren sollte der Dialog zwischen den beiden, sich weithin unbekannten Regionen vertrauensbildend wirken. Durch diese Lernprozesse könnten in der Folgezeit auf Kommunikationsfehlern beruhende Missverständnisse und Konflikte vermieden werden.
Aufgrund der Organisation des APEC-Prozesses werden konstruktivistische Erwägungen in dessen Rahmen eingeschränkt: Bezogen auf gewisse Akteure sollte APEC wie aufgezeigt sogar der Identitätsbildung im südostasiatischen Raum entgegenwirken. Auch der Effekt des gegenseitigen Kennenlernens spielt aufgrund der Tatsache, dass die gesellschaftlichen Kontakte der beiden Regionen schon jetzt im Vergleich zu denen der ASEM-Akteure weit ausgebaut sind, eine untergeordnete Rolle.
Für Ostasien ist der konstruktivistische Aspekt aufgrund großer Heterogenität besonders wichtig, wobei dessen Effektivität im ASEM eher gegeben ist als in der APEC. Einen besonderen Fall stellt Japan dar: Die Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten soll helfen, die japanischen Geschichte in Verbindung mit dem Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Angst vor einer Wiederholung zu mindern und zu verwischen.
Es ist zu erkennen, dass die drei gewählten Theorien durchaus in der Lage sind, die Gründung der beiden hier vorgestellten Dialoge zu erklären. Besonders der Realismus bietet eine schlüssige Argumentation. Es muss jedoch die Einschränkung beachtet werden, dass es sich bei der Koalitionsbildung lediglich um die Bildung von Handlungskoalitionen handelt. Die Tatsache, dass in diesem Zusammenhang der Begriff der Macht größtenteils mit wirtschaftlichem Potential einhergeht, führt zu einer engen Verknüpfung mit liberalen Gründungsimpulsen. Wohlstandsmehrung verbindet sich hier mit einem Gewinn an Handlungsmacht. Im Falle von ASEM kann auch der Konstruktivismus als Erklärungsansatz herangezogen werden.
Aus den hier genannten Motivationen der einzelnen Akteure ergaben sich im Laufe der ersten Gipfel Absichtserklärungen, die als Ziele der Dialoge interpretiert werden können. Die Tatsache, dass eine Nennung der in der neorealistischen Interpretation der Gründung vorgetragenen Gründe gar nicht, oder nur indirekt erfolgt, muss nicht zwangsläufig auf deren Irrelevanz schließen lassen. Eher kann dies auf deren meist konfrontativen Charakter zurückgeführt werden.
Im Bereich der Wirtschaftskooperation sind weitgehende Ähnlichkeiten bei den zu Grunde liegen Zielen zu erkennen: Beide Dialoge setzen sich für Wachstum und Entwicklung ein. Dieses Ziel soll durch Reduzierung von Investitions- und Handelshemmnissen tarifärer und nichttarifärer Art erreicht werden. Beide Dialoge betonen wiederholt in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit auf multilateraler Ebene - besonders im Rahmen der GATT/WTO - und sprechen sich gegen eine ausschließende Form der Kooperation aus. Im Gegensatz zu ASEM konkretisiert APEC diese Vorgaben allerdings und gibt ambitionierte Ziele vor: Den sogenannten „Bogor Goals“ zufolge, beschlossen im Jahre 1994, haben es sich die APEC Staaten zum Ziel genommen, bis zum Jahre 2020 (bzw. 2010 im Falle der Industrieländer) eine Freihandelszone im Asien-Pazifikraum zu etablieren. Dieses Drängen auf konkrete Zielen ist das Resultat der genannten US-amerikanischen Dominanz innerhalb der APEC und deren Motivationen die überlegenen Marktstellung auszunutzen und eine separaten Integration innerhalb der ASEAN zu vermeiden.
Das ASEM verschrieb sich keiner vergleichbaren Vision. Abweichend von APEC befasst es sich allerdings mit einem breiteren Spektrum an Themen. Neben wirtschaftlicher Kooperation soll auch der politische Dialog (Schlagworte: global peace, stability and prosperity) und Kooperation auf anderen Gebieten vorangetrieben werden. Zu diesen „anderen Gebieten“ zählt größtenteils die Vernetzung von Gesellschaften, insbesondere auf politischer, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene sowie unter Jugendlichen beider Regionen. Die Kooperation soll ein breiteres und festeres Fundament für den Dialog der beiden Regionen ermöglichen.
Die wirtschaftliche Kooperation ist der einzige offiziell in der APEC bearbeitete Themenbereich und stellt auch in ASEM denjenigen dar, dem von Beginn an am meisten Aufmerksamkeit zuteil wurde. Anfangs entwickelte sich in beiden Foren ein reger Dialog über wirtschaftliche Themen, der sich in einer Vielzahl von Arbeitsgruppen und Initiativen niederschlug. Neben regelmäßigen Treffen auf Ministerebene entstanden u.a. beratende Arbeitsgruppen auf Ebene der Unternehmen(APEC Business forum; Asia- Europe Business Forum (AEBF)),Initiativen zur Handels- und Investitionsliberalisierung (APEC: trade and investment liberalization; ASEM: Investment Promotion Action Plan (IPAP) und Trade Facilitation Action Plan (TFAP)), wurden Einrichtungen zur Organisation von ökonomischer Hilfe und Technologietransfer gegründet (APEC: economic and technical assistance (ECO-TECH); ASEM: diverse).
Trotz dieser Aktivitäten wurde die Arbeit doch durch oft gegensätzliche Positionen der Akteure blockiert: Beim ASEM kam es dabei besonders durch die europäische Position der Betonung von Sozial- und Umweltstandards sowie des Patentrechts zu Konflikten. Die Akteuren auf asiatischer Seite nahmen die Forderungen als protektionistisch und wettbewerbsverzerrend wahr.
Die wirtschaftliche Kooperation der APEC erlitt schon 1995 einen herben Rückschlag, als Japan dem als hegemonistisch empfundenen Liberalisierungsdruck der USA auf Grundlage der „Bogor Goals“ eine Initiative zur Etablierung individueller Umsetzungspläne, nach denen jeder Staat einen eigenen Zeitplan zur Erfüllung der Ziele aufzustellen hat, entgegensetze und so die fristgerechte Realisierung der Ziele von Bogor untergrub. „The result of this clash of interests and priorities is frustration on both sides of the Pacific”[15].
Eine besondere Herausforderung für die wirtschaftlichen Dialoge stellte die Asienkrise Ende der 1990er Jahre dar: Beide Dialoge erwiesen sich in dieser Situation als irrelevant. Da die USA auf die Vorgehensweise des IWF bestand, erwies sich APEC als vollständig nutzlos bei dem Versuch, die Wirtschafts- und Finanzkrise über dessen Aktivitäten hinaus zu vermindern. Trotz der Einrichtung eines „ASEM Trust Funds“, der aber lediglich mit 30 Millionen Euro dotiert war, fällt die Beurteilung des ASEM nur wenig positiver aus. Diese Ohnmacht blieb nicht ohne Auswirkungen. Besonders in Bezug auf APEC ist zu beobachten, dass der bis dahin dynamische Prozess fürs Erste zu Stillstand kam. Gegenwärtig ist das Bild der Wirtschaftskooperation im Asien-Pazifik-Raum geprägt durch Desinteresse an APEC als Forum der Wirtschaftsliberalisierung, erneut aufkeimenden Bilateralismus und daraus resultierende kleinere, regional begrenzte Handelsabkommen. Auch eine Stärkung des weltweiten Freihandels auf Basis der WTO ist nicht zu erkennen: Die bisher verabschiedeten individuellen Umsetzungspläne müssen einer Studie des unabhängigen APEC International Assessment Networks (APIAN) zufolge als völlig unzureichend und intransparent bewertet werden.[16] Lediglich der Aufwertung der APEC 1993 kann eine signifikante Wirkung zugeschrieben werden. Kurz vor Abschluss Uruguay-Runde des GATT übte die Vision eines integrierten transpazifischen Wirtschaftsraumes erheblichen Druck auf die EU aus. Die APEC trug damit nicht unerheblich zum Gelingen der Verhandlungsrunde und damit zur Aufwertung des GATT zur WTO bei.[17]
Den Blick wieder auf ASEM wendend, ist ein solch offensichtlicher Bruch nach der Asienkrise nicht zu erkennen. Trotzdem hat es weder durch die fundamentalen Aktionspläne IPAP und TFAP noch durch andere Aktivitäten konkrete Resultate hervorgebracht.
Wenn nun nach dieser eher ernüchternde Bewertung der wirtschaftlichen Kooperation die politische Dimension betrachtet werden soll, stellt sich zuerst die Frage, inwieweit diese in der APEC überhaupt existiert. Hier soll auf die oft erwähnte „hidden security agenda“[18] verwiesen werden, die sich als analog zu den schon genannten realistischen Gründungsimpulsen erweist. Darüber hinaus erfolgte 2003 auf dem APEC-Gipfel von Bangkok eine Re-Interpretation der Zielsetzung „Stabilität, Sicherheit und Wohlstand für unsere Völker zu erlangen“, hin zu einer Behandlung von „sicherheitspolitischen Themen, die die wirtschaftliche Kooperation im in der APEC Region betreffen“[19]. Damit einher geht ein Verständnis von Sicherheit, das über die Beachtung traditioneller sicherheitspolitischer Fragestellungen zum Beispiel die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen hinaus geht. Bereiche wie internationaler Terrorismus, transnational organisierte Kriminalität (u.a. Drogenschmuggel, Menschenhandel und Geldwäsche) globale Umweltprobleme, und Krankheiten (z.B. AIDS, SARS) werden in diesem Sinne als sicherheitspolitische Probleme aufgefasst. Die hier genannten Ansätze manifestieren sich u.a. in der 2003 gegründeten Counter Terrorism Taskforce (CTTF), die jedoch bis zum heutigen Tag nicht mit substantiellen Ergebnissen aufwarten konnte.
Im Gegensatz zu APEC ist der politische Dialog in ASEM explizit als Themenbereich verankert. Dessen Aufnahme in den Prozess geschah allerdings – genau wie die Aufnahme der dritten Säule – auf Drängen der EU und stieß auf asiatischer Seite auf Vorbehalte. Generell sind keine Themen aus dem Dialog ausgespart; in konkreten Fällen jedoch soll deren Behandlung in gegenseitigem Einvernehmen geschehen. Die Vorbehalte besonders der asiatischen Seite bewirkten jedoch anfänglich, dass heiklen Themen wie z.B. Demokratisierung und Menschenrechte der Weg in den offiziellen Dialog verschlossen blieben. Einen erster Schritt zur Vertiefung des Dialoges ist die Erwähnung der Menschenrechte im Chairman`s statement von 2000. Auch wenn die Menschenrechtsthematik in der Folgezeit von anderen Themen überlagert wurde, scheint sich doch ein pragmatischer Dialog[20] auf dem Gebiet zu entwickeln.
Im Bezug auf den sicherheitspolitischen Dialog können dem ASEM, trotz dessen stetigen Ausbaus, genau wie der APEC keine durchschlagenden Ergebnisse konstatiert werden. Auch hinsichtlich des einzigen konkreten politischen Projektes, der Stärkung und Reform der UN, kann von keinem Erfolg die Rede sein. Als Fortschritt sind jedoch die mittlerweile im Vorfeld der UN-Hauptversammlungen stattfindenden vorbereitenden Diskussionsrunden der ASEM-Akteure zu betrachten.
Andere Bereiche des politischen Dialoges beschränkten sich lange Zeit größtenteils auf:
„dialogue in the framework of consultative meetings resulting in Chairman’s statements or declarations, with concrete co-operative projects being by large limited to the organizations of workshops and communication mechanisms“[21]
Diese Praktiken scheinen jedoch immer mehr durch gewichtigere politische Aussagen ergänzt zu werden. So nutzt besonders China das ASEM zunehmend, um Kritik an der Politik der USA zum Ausdruck zu bringen. Besonders deutlich wird diese Politisierung im Bereich der internationalen Umwelt- und Klimapolitik. So einigten sich die ASEM-Teilnehmer 2006 in Helsinki auf eine explizite Deklaration zum Klimaschutz in der die Prinzipien des Kyoto-Protokolls bestärkt und damit indirekt die Vereinigten Staaten angegriffen wurde, die dem Protokoll ablehnend gegenüber stehen. Besondere Beachtung verdient die Deklaration aufgrund der Einrichtung der Asiatisch-Pazifischen Partnerschaft für saubere Entwicklung und Klima (APP) im Januar 2006. Diese weckte besonders auf europäischer Seite Befürchtungen vor der Bildung eines „Anti-Kyoto-Blockes“ auf internationaler Ebene. Dieser Idee, von den USA sicherlich beabsichtigt, erteilten die asiatischen Staaten auf dem Wege des ASEM eine klare Absage.
Es ist also zu beobachten, dass der politische Aspekt (bes. bzgl. der Sicherheitspolitik) in beiden Dialogen eine Aufwertung erfahren hat oder gar erst entstanden ist. Auch wenn im Bereich der Umweltpolitik erste Ansätze einer Gegenmachtbildung gegen die USA zu erkennen sind, lässt die Entwicklung jedoch noch sehr viel Spielraum für konkretere Ergebnisse. Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung des Verlaufes der WTO-Verhandlungen zur Doha Agenda, bei denen sich die Verhandlungsblöcke quer durch die Reihen der Dialogteilnehmer zogen. Darüber hinaus ist zu bemerken, dass beiden Prozessen in sicherheitspolitischen Fragen fundamentale Grenzen gesetzt sind. Gegeben werden diese Grenzen in der APEC durch die offiziell explizit wirtschaftlich definierte Agenda und den zu erwartenden Einspruch Chinas bei einer intensiveren Auseinandersetzung mit politischen und sicherheitspolitischen Themen (Problematik der drei Chinas). Im ASEM gewährt die Abwesenheit der USA zwar einerseits die Möglichkeit, alternative Sichtweisen bzgl. sicherheitspolitischer Probleme zu generieren, andererseits fehlt ohne deren Partizipation die militärische Substanz daraus u.U. resultierende Aktionen durchzuführen.
Die transpazifischen gesellschaftlichen Verbindungen sind verglichen zu denen zwischen Europa und Asien relativ weit entwickelt. Dementsprechend wurden im Rahmen der APEC keine expliziten Initiativen mehr gestartet.
Aufgrund wesentlich schwächer ausgeprägter zivilgesellschaftlicher Bindungen verfolgt das ASEM eine offensive Strategie, um diesen Zustand zu beheben. Die zu diesem Zweck gegründete Asia-Europe Foundation (ASEF) organisierte bisher 300 Veranstaltungen, in die über 8000 Personen aus den beiden Regionen involviert waren (Stand 2006). Sie ist das erfolgreichste Projekt des ASEM und verfügt mit ihrem Büro in Singapur über die einzigen institutionellen Strukturen im Rahmen des ASEM. Auch wenn die Auswirkungen der ASEF-Aktivitäten nicht überschätzt werden sollte, trugen sie bisher doch zur Vertiefung der Beziehungen und der Vertrauensbildung zwischen Europa und Ostasien bei.[22]Auch blieb die Konzeption des ASEM-Prozesses als Dialog zwischen zwei Blöcken besonders für die asiatische Seite nicht ohne Auswirkungen: “ASEM has contributed to bringing South East Asia and North East Asia together through the need of more co-ordination prior to official ASEM meetings”[23]. Besonders zwei Staaten profitierten davon: Für Japan ergab sich die Möglichkeit durch Partizipation an gemeinsamen ostasiatischen Positionen die nachbarschaftliche Kooperation erfolgreich zu intensivieren. China gelang es wiederum in den Nachbarstaaten kursierende Ängste zu mindern. Als Folge wird China in Südostasien nicht mehr im gleichen Maße als Bedrohung, sonder vielmehr als Schutzmacht wahrgenommen.[24]
Auch auf der Ebene der europäischen Außenpolitik hinterlässt das gemeinsame Handeln innerhalb der ASEM seine Spuren. So erkennt César de Prado Yepes eine einsetzende Homogenisierung des außenpolitischen Auftretens der EU-Länder gegenüber den in ASEM vertretenden asiatischen Staaten.[25] Neben der bewussten zivilen Vernetzung spielt hier besonders die Koordination der jeweiligen regional Akteure vor den Konferenzen eine Rolle.
Als Ergebnis der vorliegenden Analyse ist hinsichtlich der Anwendbarkeit der Theorien der IP auf transregionale Beziehungen folgendes festzuhalten: Sie stellen ein wirksames Werkzeug dar, um die Gründung der Kooperationen zu erklären. Alle drei untersuchten Denkschulen liefern hier schlüssige Argumente.
Bei der Bewertung der Ergebnisse zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Erfüllung kurzfristiger Interessen liberaler als auch realistischer Art ist wie gezeigt sehr begrenzt. Der Anspruch, durch wirtschaftliche Zusammenarbeit die globale Ordnung zu stärken und weiter zu entwickeln ist fehlgeschlagen. WTO-Normen werden respektiert, einen signifikanten Beitrag zu deren Ausweitung konnte bis dato jedoch keiner der beiden Dialoge leisten. Auch im politischen Bereich ergaben sich lange Zeit keine konkreten Ergebnisse. Diese ernüchternden Analyse sorgt in der Wissenschaft weitgehend für Frustration, die sich in Beschreibungen der APEC- Gipfel als „Plauderstunden ... mit nichtssagenden und folgenlosen Kommuniques“[26] und ASEMs als „a trend towards governments pretending to manage world affairs, with their societies pretending to follow“[27] wiederspiegelt. Doch beziehen sich diese Kommentare auf kurzfristig erbrachte Leistungen. Es wird oftmals die katalysierende Wirkung der Prozesse übersehen. Koordination und Diskussionen führen zu einer Vereinfachung der Entscheidungsfindung auf anderer Ebene, die den Dialogen nur indirekt zugeschrieben werden kann. Weiter liegt ihr Fehler in der Ausblendung der langfristigen Wirkung konstruktivistischer Erwägungen: ASEM und APEC sollten als eine Investition in die Zukunft wahrgenommen werden. Als ein erstes Ergebnis einer erfolgreichen Vertrauensbildung kann hierbei die angesprochene ASEM-Deklaration zum Klimawandel betrachtet werden.
Die Idee einer multipolaren, nicht allein von den USA dominierten Welt gewinnt immer mehr an Zustimmung. Daraus folgt, dass regionale Blöcke auch untereinander kooperieren müssen. Darüber hinaus haben in der letzten Dekade globale Probleme wie der internationale Terrorismus und das Klimaproblem an Brisanz gewonnen. Auch wenn ASEM und besonders APEC ihren wirtschaftlichen Motivationen nicht Rechnung tragen konnten, können sie doch in einer solchen Welt wichtige Koordinations- und Kommunikationsmechanismen darstellen. Die besagte ASEM-Deklaration deutet dies an. Betrachtet man die Struktur beider Prozesse, ist zu erkennen, dass tatsächlich eine allmähliche Annäherung und ein Wandel der Funktion von wirtschaftspolitischen Instrumenten hin zu politischen Kommunikationsforen stattfindet. APEC, anfangs rein wirtschaftlich ausgerichtet, bewegte sich in der praktischen Funktion durch den Bedeutungsgewinn der „hidden security agenda“ konzeptionell auf ASEM zu. Die hauptsächlich der Dominanz der USA geschuldeten, weitreichenden Ziele der „Bogor Goals“ relativieren sich zunehmend mit der Relativierung der einseitigen, wirtschaftlichen Dominanz der USA an sich.
Die Strukturen und anfänglichen Ziele des ASEM sind daher als wesentlich praktikabler einzuordnen: Das Bekenntnis zu bestehender Heterogenität und die bipolare Organisation der Prozesses befreien von einheitsbildenden Zwängen. Das Fehlen visionärer Ziele bannt die Gefahr, den Prozess an überhöhten Erwartungen zerbrechen zu lassen. Die offene und uneingeschränkte Agenda gibt die Flexibilität besser auf neu entstehende Herausforderungen reagieren zu können. Die mit dieser Vielseitigkeit verbundene Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure trägt deren Bedeutungsgewinn in der IP Rechnung, bietet darüber hinaus eine erweiterte Möglichkeit des Agenda-settings und mindert dadurch die Gefahr eines Stillstands des Dialoges.
Dem gegenüber kann die Einrichtung eines „virtuellen Sekretariats“ im Rahmen des ASEM als langsamer Beginn einer notwendigen Institutionalisierung verstanden werden, der bei der APEC schon vorher begonnen hat. In wieweit diese jedoch fortgesetzt wird, ist abzuwarten. Für die These, dass die Organisation des ASEM wesentliche effektiver und attraktiver ist, spricht auch deren Funktion als Blaupause für neu entstehende Dialoge zwischen Weltregionen. So diente sie zum Beispiel als Vorbild für die East Asia and Latin America Cooperation (FEALAC).[28] Wie gesehen sind auch strukturelle Rückwirkungen auf die APEC zu erkennen.
Transregionale Prozesse, besonders deren bi- bzw. multiformelle Ausprägung, haben daher, wenn auch kurzfristig von eher geringer Bedeutung, langfristig das Potential, eine wichtige Rolle als Kommunikationskanäle in einer vor regionalen Blöcken geprägten Welt zu spielen.[29]
Literatur:
Weitere Quelle:
[1] Lampert, Donald E.: Patterns of
Transregional Relations, in: Comparative Regional
Systems, Elmsford 1980, S. 430.
[2] Villacorta, Wilfrido V.: Beyond
Economic Cooperation: Institution-Building in APEC,
in: Coalition-Building and APEC, Makati City 2001,
S. 25.
[3]Vgl. Maull, Hanns W./ Nabers, Dirk
(Hrsg.): Multilateralismus in Ostasien –
Pazifik, Probleme und Perspektiven im neuen
Jahrhundert, Hamburg 2001, S.199.
[4]Dosch, Jörn: Relations of the
US and the EU with East Asia: A Fresh Look at
Actors, Strategic Interests and
Institution-Building, in: Panorama, Insights into
Southeast Asia and European Affairs.
Konrad-Adenauer-Stiftung, Manila 2001, S.21.
[5] Vgl., Villacorta: Beyond Economic
Cooperation, S.33.
[6] Vgl., Ebd., S.31.
[7] Zu APEC: Siehe, Ebd.: Beyond
Economic Cooperation , S.30.
[8]Maull: Multilateralismus in
Ostasien, S.202.
[9] Vgl. Dosch, Relations of the US and
the EU with East Asia, S.37.
[10] Vgl., Maull, Multilateralismus in
Ostasien, S.199.
[11] Vgl., Rüland, Jürgen:
Inter- and Transregionalism: Remarks on the State of
the Art of a New Research Agenda“, auf:
http://www.anu.edu.au/NEC/ruland2.pdf.
[12] Soesastro, Hadi: APEC and the ASEM
Process: The Future of South East Asian-EU
Cooperation, in: Saunders, Cheryl/ Triggs,
Gillian: Trade and Cooperation with the European
Union in the new Millennium, Melbourne 2002,
S.143.
[13]Maull: Multilateralismus in
Ostasien, S.198.
[14] Avila, John L.: Regional
Cooperation in APEC and ASEM: An Institutionalist
Perspective, Makati City 1999, S.2.
[15] Köllner, Patrick: Wither
ASEM? Lessons from APEC and the future of
transregional Cooperation Between Asia and Europe,
in: Südostasien Aktuell 19 (5), Hamburg 2000,
S.426.
[16] Vgl., Ziltener, Patrick: Asia
Pacific Economic Cooperation (APEC): Vom
„offenen Regionalismus“ zum „neuen
Bilateralismus“, in: Aussenwirtschaft,
Schweizerische Zeitschrift für internationale
Wirtschaftsbeziehungen, Zürich 2004, S.155.
[17] Vgl., Pascha, Werner: The role of
APEC in East Asian regional integration: a European
perspective, in: The Journal of East Asian Affairs,
Nr. 2/2005, S. 109-134.
[18] Vgl. u.a., Maull, Hanns W/ Okfen,
Nuria: Inter-regionalism in International Relations:
Comparing ASPEC and ASEM, in: Asia Europe Journal,
Berlin 2003, S.243.
[19]„[of] achieving stability,
security and prosperity for our people“ und
„security issues affecting economic
cooperation in the APEC region“.
Übersetzung des Autors. Siehe: Economic Leaders
Declaration 2003; des weiteren ist in der
Declaration 2004 die Formulierung „political
commitment“ zu entdecken.
[20] Siehe, Loewe, Howard: Demokratie
und Menschenrechte im Europa Asien-Dialog –
Zusammenprall von Kooperationskulturen?, in: Asien,
April 2005, S. 75.
[21] Hänggi, Heiner: ASEM’s
Security Agenda Revisted, in: Stokhof, Wim: The
Eurasian Space, Far More Than Two Continents,
Sungapur 2004, S.99.
[22] Vgl., MacDonald, Alistair: The
Future of South East Asian-EU Cooperation, in:
Saunders, Cheryl/ Triggs, Gillian: Trade and
Cooperation with the European Union in the new
Millennium, Melbourne 2002, S.148.
[23] Reiterer; Michael: ASEM:
Value-Added to International Relations and to the
Asia-Europe Relationship, in: Stokhof, Wim: The
Eurasian Space, Far More Than Two Continents,
Singapur 2004, S.11.
[24] Vgl. Bersick, Sebastain:
Multipolarität gestalten. Chinas Rolle im
ASEM-Prozess, in: Internationale Politik, 09/2004,
S.30-36.
[25] Vgl. Prado Yepes, César de:
The effect of ASEM on European foreign policies, in:
Asia Europe Journal, 03/2005, S.25-35.
[26] Rothhacher, Albrecht: Des Kaisers
neue Kleider? Zur aktuellen Situation regionaler
Kooperation in Asien, in: Internationales
Asienforum, International Quaterly for Asian
Studies. Freiburg 2004, S.154.
[27] Maull, Inter-regionalism in
International Relations, S.248.
[28] Milliot, David M.: ASEM – A
Catalyst for Dialogue and Co-operation: The Case of
FEALAC, in: Stokhof, Wim: The Eurasian Space, Far
More Than Two Continents, Singapur 2004, S.75ff.
[29] Vgl. hierzu ähnliche
Schlussfolgerungen: Pascha, The Role of APEC in East
Asian Regional Integration. und Choi, Taewook:
Development of Inter-Regionalism and a Desirable
Future Direction of APEC, in: Korea and World
Affairs, Winter 2005, S. 532-545.
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